Neuerscheinung: 74 ExpertInnen über den Klimawandel in Mitteleuropa

© Wikimedia Commons, ejatgc Coverphoto: Biodiversität und Klimawandel

(Wien, 18. Juni 2013) Der Klimawandel stellt eine der größten Herausforderungen des 21. Jahrhunderts dar. Dies gilt besonders für das Überleben von Arten und Lebensräumen. Die Komplexität der damit verbundenen Fragestellungen und die rasanten Wissensfortschritte machen es immer schwieriger, das Themenfeld zu überblicken. In einem neuen Buch liefern erstmals 74 ExpertInnen aus Österreich, Deutschland und der Schweiz eine umfassende Darstellung und Bewertung des Klimawandels und seiner Auswirkungen auf die Biodiversität in Mitteleuropa.

 

Die AutorInnen dokumentieren das Ausmaß der drohenden Gefährdung von Arten und Lebensräumen. Das Buch „Biodiversität und Klimawandel – Auswirkungen und Handlungsoptionen für den Naturschutz in Mitteleuropa“ ist als Gemeinschaftswerk des österreichischen Umweltbundesamtes, des deutschen Bundesamtes für Naturschutz, des Schweizer Bundesamtes für Umwelt, des Schweizer Bundesamtes für Meteorologie, des österreichischen Bundesministeriums für Wissenschaft und Forschung und des oberösterreichischen Umweltressorts im Springer Verlag erschienen.

 

Das Fazit der AutorInnen: Viel mehr als bisher muss getan werden, um den negativen Folgen des Klimawandels auf Arten und Lebensräume zu begegnen oder diese zu verhindern. In den nächsten Jahrzehnten wird der Klimawandel einen enormen Verlust an Biodiversität auslösen. Denn viele Arten werden künftig kaum mehr geeignete Klimabedingungen vorfinden. Bereits heute seltene Pflanzen und Tiere wie das Steinschmückel, eine Gebirgspflanze, und das Alpen-Schneehuhn könnten völlig von der Bildfläche verschwinden. „Der rasch fortschreitende Klimawandel überfordert die Anpassungsmöglichkeiten der Natur bei weitem“, erläutert Dr. Franz Essl vom Umweltbundesamt und einer der beiden Hauptautoren des Buches. „Wir wünschen uns, dass das Buch zu konsequentem und frühzeitigem Handeln beiträgt“, so Essl weiter. „Unsere Lebensgrundlage ist eine intakte Umwelt mit ihrer Biodiversität und die gilt es zu erhalten. Die Verantwortung für die klimatische Veränderung liegt in einem komplexen Wechselspiel zwischen global und lokal, zwischen Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Schlussendlich hat aber jeder und jede Einzelne viele verschiedene Handlungsmöglichkeiten“, so der oberösterreichische Landesrat für Umwelt, Rudi Anschober.

 

Folgen für Wirtschaft & Gesellschaft

Der Klimawandel wird weitreichende Folgen für Wirtschaft und Gesellschaft haben: „Die Landwirtschaft wird sich auf einen verstärkten Schädlingsbefall, etwa durch den Maiszünsler einstellen müssen“, so der zweite Hauptautor Dr. Wolfgang Rabitsch vom Umweltbundesamt. Manche wichtige Kulturpflanzen wie Weizen und Roggen werden künftig nicht mehr in dem Ausmaß angebaut werden können, wie heute, weil es zu heiß oder zu trocken sein wird. Die Forstwirtschaft, einer der wichtigsten Wirtschaftszweige in Österreich, wird mit einem vermehrten Auftreten von Schädlingen, wie Borkenkäferarten und einer stark erhöhten Mortalität wichtiger Waldbäume wie der Fichte, konfrontiert sein. Aber auch die Ausbreitung eingeschleppter, für den Menschen relevanter Krankheitsüberträger, wie Stech- und Sandmücken, wird durch den Klimawandel begünstigt.

 

Auswirkungen auf den Naturschutz

Der Naturschutz steht angesichts der wenigen intakten Lebensräume und begrenzter finanzieller Mittel vor großen Herausforderungen. Zu den traditionellen Naturschutzzielen wie dem Schutz von Arten und Lebensräumen treten in Folge des Klimawandels neue Ziele hinzu: eine stärkere Ausrichtung auf den Schutz von Biodiversitätsfunktionen und eine bessere Vernetzung von Schutzgebieten Auch das regelmäßige Monitoring einer sich ändernden Biodiversität erhält gewinnt durch den Klimawandel zunehmend an Bedeutung. „Wir stehen vor großen Veränderungen. Die Verschiebung von Lebensräumen, der Verlust von Populationen und das Auftreten neuer Arten bis hin zur Entstehung neuer Ökosysteme sowie neue Prozesse und Wechselwirkungen machen auch weitere Forschung notwendig“, so die Hauptautoren.

 

Handlungsoptionen im Naturschutz

Alle AutorInnen sind sich einig: Gerade weil manche der durch den Klimawandel ausgelösten Vorgänge kaum mehr aufzuhalten sind, ist es umso wichtiger vorausschauend und vorsorgend zu handeln: Eine wesentliche Voraussetzung, um die Folgen des Klimawandels zu begrenzen, ist ein ambitionierter Klimaschutz auf nationaler und internationaler Ebene. Dazu kann ein besserer Schutz von Arten und Lebensräumen wesentlich beitragen. Denn viele Lebensräume wie Wälder und Moore entziehen der Atmosphäre Kohlendioxid, speichern dieses in der Biomasse und tragen so zum Klimaschutz wesentlich und kostengünstig bei. Ergänzt werden muss dies durch eine stärkere Berücksichtigung von Biodiversitätsbelangen in der Landnutzung und Raumplanung unter Ausnutzung möglicher Synergieeffekte. Eine nachhaltige Waldbewirtschaftung, die Extensivierung von Grünland und eine konservierende Bodenbearbeitung haben positive Auswirkungen auf die Treibhausgasbilanz. Viele der bewährten Naturschutz-Maßnahmen werden an Bedeutung gewinnen, wie der Schutz und die Renaturierung von Feuchtgebieten, der Schutz alter Wälder und die Vernetzung von Biotopen, um die Ausbreitung von infolge des Klimawandels wandernden Arten zu unterstützen. Eine intensive Zusammenarbeit von Naturschutz und anderen Sektoren und die Begrenzung zusätzlicher Stressfaktoren sind jedenfalls dringend geboten.

 

Kontakt

Sabine Enzinger, Pressestelle Umweltbundesamt
Tel. 01/313045488