Nachlese Science Event 2011

Raum für alle(s)?

© Umweltbundesamt/Gröger

Wien, 11.  November 2011) Wie können die unterschiedlichen Bedürfnisse an den Raum unter einen Hut gebracht werden? Mit dieser Frage beschäftigte sich der zehnte Science Event am 10. November im RadioKulturhaus. Veranstalter war der Risiko:dialog von Umweltbundesamt und Radio Österreich1.

 

Raum – Fläche – Boden

Für Hans Heinrich Blotevogel, Professor für Raumentwicklung an der Technischen Universität Dortmund bedeuten die vier Megatrends –

Globalisierung, demografischer Wandel, Klimawandel sowie Mobilität & Energie – Risiken und Handlungserfordernisse. Insbesondere die Vulnerabilität von Megastädten werde zum wesentlichen Thema der Zukunft. Die zentrale Aufgabe der Raumentwicklung sieht er in der Anpassung an den Klimawandel. Sein Fazit: Politische Entscheidungen müssen trotz ungewisser Rahmenbedingungen getroffen werden.

 

Professor Winfried Blum von der Universität für Bodenkultur mahnte in seiner Keynote, zu einem sorgsamen Umgang mit Agrarböden bester Qualität– insbesondere in Hinblick auf die Ernährung der Weltbevölkerung. Er erinnerte dabei an eine Redensart afrikanischer Bauern: „Wir erben nicht die Böden von unseren Vorfahren. Wir leihen sie von unseren Kindern“.

 

Im anschließenden Publikumsdialog mit Heinz Fassmann, dem wissenschaftlichen Leiter des Österreichischen Raumentwicklungskonzeptes 2011 widmete sich Blotevogel und Blum den Herausforderungen für Österreich. Blotevogel betonte die Notwendigkeit, das Wirtschaftswachstum von der Flächeninanspruchnahme zu entkoppeln. Blum forderte, bei der Zersiedelung auf die Bremse zu steigen.

 

Bedürfnisse

Beate Jessel, Direktorin des Bundesamtes für Naturschutz in Deutschland widmete sich der ambivalenten Rolle von Biodiversität, die Bedürfnisse an den Raum hat und gleichzeitig Bedürfnisse erfüllt. Sie betonte dabei die enge Verknüpfung mit menschlichen Bedürfnissen an den Raum.

 

Für Bernhard Müller, Leiter des Leibnitz-Instituts für ökologische Raumentwicklung sind Silver Economy, Ehrenamt und lebenslanges Lernen Chancen einer älter werdenden Bevölkerung. Neue Wohnformen mit neuen Technologien, barrierefreies und intergenerationelles Wohnen nannte er als die großen Herausforderungen an die Raumentwicklung. Sein Fazit „Es geht um smarte Gemeinden mit kurzen Wegen“.

 

Edwin Deutsch, Professor für Wirtschaftsmathematik an der Technischen Universität Wien, erklärte, dass die Produktivität einer Region umso höher ist, je vielfältiger die Aktiviäten in dieser Region sind. Die Produktivität hänge von der Firmengröße und von Externalitäten, genauer von der Vielfalt an Branchen ab. Durch die Branchenvielfalt können, so Deutsch, bis zu 20% in den regionalen Produktivitätsunterschieden erklärt werden.

 

Im anschließenden, von Martin Bernhofer, dem Leiter der Hauptabteilung Wissenschaft, Bildung und Gesellschaft von Ö1, moderierten Publikumsdialog gingen die ReferentInnen der Fragen nach, wie die unterschiedlichen Bedürfnisse an den Raum zusammengeführt werden können. Für Bernhard Müller liegt der Ausgangspunkt bei den Bedürfnissen des Menschen. Eine Kooperation über Fach- und administrative Grenzen sowie Sachgebiete hinweg sei der Schlüssel, um Konflikten zu begegnen. Beate Jessel erinnerte an die Rolle der Biodiversität als Querschnittsmaterie.

 

Best practice Beispiele Leader Region, Zürich, Hamburg

Luis Fidlschuster, Koordinator beim Netzwerk Land sprach über die Leader Methode. Bei diesem Ansatz sollen Partizipation und Kooperation zu einer innovativen, sektorübergreifenden, sozial und ökologisch verträglichen Entwicklung ländlicher Regionen beitragen. Die Beteiligung und Zusammenarbeit von regionalen AkteurInnen erfolgt in sogenannten „Lokalen Aktionsgruppe“ (LAG). Die Mitglieder einer LAG sollen repräsentativ für eine Region sein. Das heißt, alle für die regionale Entwicklung relevanten Bevölkerungsgruppen und regionalen Organisationen sollen darin vertreten sein. In Österreich gib es derzeit 86 Leader-Regionen.

 

Brigit Wehrli-Schindler, Direktorin der Stadtentwicklung Zürich stellte ein Projekt der Metropolitankonferenz Zürich vor, in dem der Metropolitanraum als Parklandschaft gestaltet wird. Dabei werden Charakterlandschaften, Wasserlandschaften, Erholungsräume und ein Parkzellennetzwerk geschaffen.

 

Jörg Knieling von der HafenCity Universität Hamburg erläuterte, dass in Hamburg (Umwelthauptstadt 2011) über Klimawandel und Anpassung intensiv diskutiert wird. Da das Thema mit Unsicherheiten behaftet ist, erachtet er den Dialog zwischen PolitikerInnen und BürgerInnen als besonders notwendig.

 

Podiumsdiskussion

In der von Klemens Riegler-Picker, dem Geschäftsführer des Ökosozialen Forums moderierte Podiumsdiskussion widmeten sich die ReferentInnen sowie Maria Vassilakou, Wiener Vizebürgermeisterin, Ulrike Böker, Bürgermeisterin der oberösterreichischen Gemeinde Ottensheim und Heinz Fassman von der Universität Wien möglichen Handlungsräumen.

Maria Vassilakou betonte die Notwendigkeit guter Kooperationsstrukturen zwischen Wien und dem Umland. Den Schutz von Erholungsgebieten und landwirtschaftlichen Flächen sowie den Naturschutz nannte sie als gemeinsame Anliegen. Zu einer Verbindlichkeit bei größeren Projekten zu kommen, sei notwendig. Ulrike Böker meinte, dass die Gemeinden qualitätsvolle Beratung durch ExpetInnen brauchen. Heinz Fassmann sieht die Einbindung von unterschiedlichen Anspruchsgruppen und daraus resultierende Kooperationen als Erfolgsfaktoren.

 

Veranstalter

Veranstalter des zehnten Science Event waren das Umweltbundesamt und Radio Österreich 1 im Rahmen des Risiko:dialog. Der Risiko:dialog ist eine wachsende Community, die zur Meinungsbildung in spannenden gesellschaftlichen Prozessen beiträgt. Dies passiert im Netzwerk.Risiko:dialog-PartnerInnen, MitveranstalterInnen und SponsorInnen des Science Events: Bundesministerium für Wirtschaft, Familie und Jugend (BMWFJ), Lebensministerium, Austrian Power Grid AG (APG), Universität für Bodenkultur (BOKU), Bundesamt für Naturschutz Deutschland (BfN), Stadt Wien, Ökosoziales Forum Österreich, Österreichische Raumordnungskonferenz (ÖROK), Wien Energie, die OMV und DER STANDARD.

 

 

 

weitere Informationen:Sabine Enzinger, Pressestelle Umweltbundesamt, Tel.: +43-(1)31304-5488

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