Nachlese Science Event 2010

Biodiversität: Zwischen Nützen und Schützen

(Wien, 15.11.2010) Vielfältige Blickwinkel auf die Biodiversität bot der Science Event "Biologische Vielfalt: Weniger oder mehr“ am 10.11.2010 im RadioKulturhaus, der von etwa 150 TeilnehmerInnen besucht wurde. Veranstalter war der Risiko:dialog von Umweltbundesamt und Radio Österreich 1.

 

Mit "Der Nager in uns", einer Erzählung aus dem Buch „Die Kuh, der Bock, seine Geiss und ihr Liebhaber“ begab sich die  Autorin und leidenschaftliche Hobby-Gärtnerin Barbara Frischmuth auf die Spur von Tieren und deren evolutionären Veränderung in der Sprache und eröffnete eine von vielen Perspektiven zum Thema Biologische Vielfalt. Ebenso bildhaft räsonierte Esskritiker Wolfram Siebeck über die Diversität in unserer Massengesellschaft: Wir machen uns, über den Frühstückstisch gebeugt, vor uns die Früchte globalen Handels und Handelns, nebst weißen und braunen Eiern, Gedanken über alles, das verschwindet. Auf der einen Seite die BefürworterInnen der Gleichförmigkeit, auf der anderen die BewahrerInnen der Vielfalt. Auf welcher Seite sich die TeilnehmerInnen des Science Events wiederfanden, spiegelte sich später in den Diskussionsbeiträgen aus dem Publikum wider.

Vielfalt Meinung: Stop Loss Biodiversity

© Umweltbundesamt/Gröger

Die Vielfalt der Meinungen von ExpertInnen zeigte sich bei der anschließenden Podiumsdiskussion, in zwei Punkten waren sie sich einig: Artenvielfalt ist Lebensgrundlage jedes Einzelnen und Grundlage unseres Wirtschaftens. Das UN-Ziel, den Verlust der Biodiversität bis 2010 zu stoppen, wurde klar verfehlt. "Man muss das große wissenschaftliche Thema Biodiversität auf den Menschen runterbrechen", so der Kommunikationsexperte Peter Hajek, "die Diskussion ist da". Thomas Graner vom Bundesamt für Naturschutz Deutschland ortet genau da das Problem: Er betonte, dass das vielschichtige Thema Biodiversität auch vielschichtig vermittelt werden muss.

Dialogprozesse mit Wirtschaft, Wissenschaft, Kommunen, Verbänden und Multiplikatoren gibt es in Deutschland seit 2007, die Mehrheit sei bereit, für Erhalt der biologischen Vielfalt tiefer ins Portemonnaie zu greifen. Soll das Thema biologische Vielfalt dauerhaft im Bewusstsein bleiben, wird es nach Meinung von Hildegard Aichberger vom WWF Österreich schwierig: "NGOs denken langfristig, die Aufmerksamkeitsschwelle für Themen ist aber sehr kurz."

 

Im Fokus stand, wie sich Aktivierung für das Thema Biodiversität erzeugen lässt und wie es gelingt, sie auf den Alltag der Menschen zu beziehen. Weiterer Diskussionspunkt waren die Herausforderungen, vor denen Wirtschaft und Politik stehen, um den Biodiversitätsverlust zu stoppen. Wir nützen etwas, das wir zugleich schützen wollen, beides hat seinen Preis. Den Ausweg aus dem Dilemma sieht Sigrid Stagl von der Wirtschaftsuniversität Wien darin,  Anreize zu setzen, um nachhaltiges Handeln zu unterstützen. Derzeit werden die falschen Weichen gestellt und natürliche Ressourcen übernutzt. "Wir brauchen diesbezüglich eine Ökonomie, die mit Versicherungen agiert, um zu vermeiden, dass wir langfristige Schäden verursachen", meint sie. Den sozialpolitischen Aspekt rückte Franz Breitwieser von der Österreichischen Entwicklungszusammenarbeit ins Blickfeld: "Wir exportieren unseren Hunger in andere Länder und tragen dort zum Verlust der Biodiversität bei". Als Beispiele nannte er Agrotreibstoff und Sojabohne. Sogenannte Schwellenländer seien zum Teil von der Artenvielfalt abhängig und gingen sehr sorgsam damit um. Durch das schnelle Eingreifen globaler Märkte, den Export unseres CO2-Fußabdrucks komme es zu einem human widelife conflict, so Hildegard Aichberger, die Verantwortung dafür liege bei den Verursachern.

Good Practice Beispiele: Satoyama, Arche Noah, Green Walls

Nach der Pause erläuterten ExpertInnen Möglichkeiten für beispielhaftes Handeln im Umgang mit Biodiversität. Die Forschungsplattform Satoyama bündelt Wissen aus Biologie, Ökologie, Sozialwissenschaft, Ökonomie und Politikwissenschaft und widmet sich Projekten, die auf eine Bewusstseinsänderung bei den Menschen abzielen. Menschen, die jeden Tag dazu beitragen, den Reichtum der Natur zu erhalten und ihr Know-how weiterzugeben, unterstützt der Verein Arche Noah. Während die einen in Schaugärten die große Vielfalt sichtbar machen und Samendatenbanken anlegen, kümmern sich andere, meist kleine landwirtschaftliche Betriebe, kontinuierlich um den Anbau alter Kultursorten. Diese Betriebe tragen weltweit zur Diversität bei und stellen global laut Beate Koller, Geschäftsführerin der Arche Noah, immer noch die Mehrheit: "Über 90 Prozent der Betriebe weltweit verfügen über weniger als 1,6 Hektar. "In noch kleinerem Ausmaß lassen sich Obst und Gemüse auf Dächern anbauen, so ein weiteres Good Practice: Die Vielfalt reicht vom Schnittlauch auf dem Berliner Dach über den Kürbis in Hydrokultur in Melbourne bis zum Orangenhain auf dem Dach einer Fleischhauerei in Shanghai. Neben den Vorteilen für das Stadtklima und die eigene Quelle für Vitamine dienen die Dachgärten als Lebensraum für Tiere und als Keim für Nachbarschafts- und Sozialprojekte, so Landschaftarchitekt Manfred Köhler von der Hochschule Neubrandenburg.

© Umweltbundesamt/Gröger

Trotz zahlreicher Initiativen für den Erhalt der Biodiversität bestehen viele Interessenskonflikte, die sich in der internationalen Biodiversitätspolitik niederschlagen. Gründe dafür erläuterte Christoph Görg vom Helmholtz Zentrum für Umweltforschung in Leipzig. Er zitierte den TEEB-Endbericht, der zeigt, dass Ökosysteme zehn bis 20 Prozent der Wirtschaftsleistung mancher Länder liefern. Die wirtschaftliche Seite verweist auch auf die soziale Komponente der Biodiversität: In Ländern wie Indonesien, Indien und Brasilien beziehen arme Menschen laut Görg zu 75 bis 90 Prozent ihres Einkommens aus intakten Ökosystemen. Damit ist der Erhalt der Biodiversität das wichtige Mittel zur Armutsbekämpfung.

Risiko:dialog

Der Risiko:dialog ist eine wachsende Community, die zur Meinungsbildung in spannenden gesellschaftlichen Prozessen beiträgt. Das passiert im Netzwerk. Unterstützt wird der Risiko:dialog von den Partnern BMWFJ,  Lebensministerium, BOKU, Verbund-Austrian Power Grid AG, Der Standard. Die Partner der Veranstaltung sind BOKU, Waldforschungszentrum BFW, Bundesamt für Naturschutz Deutschland und Österreichische Entwicklungszusammenarbeit.

 

Weitere Informationen

Christine Schatz, Pressestelle Umweltbundesamt, Tel.: 01/313 04-5434

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