Risikoabschätzung von gentechnisch veränderten Produkten

Umweltbundesamt publiziert Tagungsband

[6.8.2002] Im Zentrum eines gemeinsam vom Umweltbundesamt mit dem Interuniversitären Forschungszentrum für Technik, Arbeit und Kultur (IFZ) Graz veranstalteten ExpertInnen-Workshops im Oktober 2001 stand einer der umstrittensten Aspekte in der Sicherheitsbewertung von gentechnisch veränderten Lebensmitteln, das sogenannte Konzept der Substanziellen Äquivalenz. Das Konzept der "Substanziellen Äquivalenz" wurde erstmals 1993 von der OECD im Zusammenhang mit der Bewertung von Lebensmitteln aus gentechnisch veränderten Organismen in eine breitere Diskussion eingebracht und in der Folge in zahlreichen Ländern als Grundlage für die Sicherheitsbewertung von derartigen Lebensmitteln und Lebensmittelzutaten etabliert. Substanzielle Äquivalenz bedeutet die wesentliche Gleichwertigkeit einer gentechnisch veränderten Pflanze bzw. eines Lebensmittels oder einer Lebensmittelzutat, welche(s) daraus hergestellt worden ist, mit der jeweiligen konventionellen Pflanze bzw. dem konventionellen Lebensmittel oder der Lebensmittelzutat. Die substanzielle Äquivalenz wird im wesentlichen durch einen chemisch-analytischen Vergleich sowie agronomische und morphologische Charakteristika bestimmt. Unterscheiden sich das Lebensmittel aus gentechnisch veränderten Pflanzen und das konventionelle Pendant, wird in Abhängigkeit vom Ausmaß des Unterschieds und auf einer Fall-zu-Fall Basis über weitere erforderliche Untersuchungen entschieden. Somit stellt das Konzept ein Kernstück der Sicherheitsbewertung von Lebensmittelprodukten aus gentechnisch veränderten Organismen dar.

Mehr als 50 VertreterInnen internationaler Organisationen wie FAO/WHO, OECD, UNIDO, von nationalen Behörden, von Umwelt- und Konsumentenschutzorganisationen sowie aus den Bereichen der Agrarbiotechnologieindustrie und der akademischen Wissenschaft erörterten Vorteile, Kritik und Praxiserfahrungen sowie Möglichkeiten zur Verbesserung des Konzepts der Substanziellen Äquivalenz und damit der Sicherheitsbewertung von gentechnisch veränderten Lebensmitteln insgesamt erörtern. Der Workshop fand im Rahmen eines von den Bundesministerien für Wirtschaft und Arbeit, sowie Soziale Sicherheit und Generationen geförderten Projektes statt, das die Verbesserung der allergologischen und toxikologischen Sicherheitsbewertung bei Gentechnikprodukten zum Ziel hat und bis Ende 2002 abgeschlossen werden soll.

Zusammenfassend kann aus Sicht der Herausgeber folgendes festgehalten werden: Substanzielle Äquivalenz ist als Konzept einer relativen Sicherheit umstritten, aber – gegenüber einer Feststellung von absoluten Sicherheitsstandards – realistischer zu operationalisieren. Die Kritik an der Umsetzung des Konzepts wurde im Rahmen des Workshops weitgehend bekräftigt. Zum anderen erhält die Kritik an der Praxis der Anwendung des Konzepts der Substanziellen Äquivalenz neue Impulse, etwa durch die Evaluierungen von Antragsunterlagen nach der Novel Food Verordnung und der Richtlinie 90/220/EWG. Diese Praxis zeichnet sich dadurch aus, dass die Antragsteller in sehr unterschiedlicher Weise mit dem Konzept umgehen, und dass manche Argumentationsweisen und Untersuchungen nicht nachvollziehbar bzw. in Frage zu stellen sind.

Darüber hinaus ist ein "Lernprozess" der begutachtenden Behörden und Komitees festzustellen, der sich in der Änderung von Entscheidungsgrundlagen und Beurteilungskriterien niederschlägt. Durch letzteren Prozess hat sich in der EU auch die Interpretationsweise des Konzepts verändert. Dies schlägt sich auch in den Diskussionen zum Entwurf der Europäischen Kommission für eine Verordnung zu gentechnisch veränderten Lebens- und Futtermitteln nieder.

Trotz aller Kritik und Umsetzungsprobleme solle jedoch an dem Konzept tendenziell festgehalten werden, nicht zuletzt aus Mangel an gangbaren Alternativen. Man ist sich insgesamt der Probleme und des Handlungsbedarfs sehr bewusst. Die größten Herausforderungen, die es dabei im Hinblick auf eine "Verwissenschaftlichung" dieses Konzepts zu bewältigen gilt, liegen in der Berücksichtigung von möglichen Sekundäreffekten und in der Schaffung von Grundlagen sowie der Präzisierung der Rahmenbedingungen für den Vergleich zwischen transgener und konventioneller Pflanze.

Die weitergehende Verbesserung, Harmonisierung und Konkretisierung der Sicherheitsbewertung von Gentechnikprodukten im allgemeinen und des Konzepts der Substanziellen Äquivalenz im besonderen ist ohne Zweifel von zentraler Bedeutung für eine Gewährleistung eines hohen Sicherheitsstandards.

Der Tagungsband zum internationalen Workshop "Evaluating Substantial Equivalence – A step towards improving the risk/safety evaluation of GMOs" (Wien, 19./20. Oktober 2002) liegt nun gedruckt in englischer Sprache mit einer deutschen Einleitung vor.

Evaluating Substantial Equivalence. A step towards improving the risk/safety evaluation of GMOs. Vienna, October 19th-20th 2001. (deutsche Einleitung)Wien, 2001. (Conference Papers/Tagungsberichte Band 32)