Situation und Trends
Gefährdungen der biologischen Vielfalt
Global hat sich der Zustand der meisten Ökosystemtypen, die Lebensraum für Mensch, Tier- und Pflanzenarten sind, aufgrund von Lebensraumverlust oder -beeinträchtigung verschlechtert (MILLENIUM ECOSYSTEM ASSESSMENT 2005). In Österreich gibt es u.a. folgende Gründe für die Abnahme der biologischen Vielfalt:
Lebensraumveränderung
Nutzungsänderungen im Bereich der Landwirtschaft finden in Form einer Segregation in Intensivgebiete und Extensivgebiete statt. In Extensivgebieten wird die landwirtschaftliche Flächennutzung immer häufiger aufgegeben, in Intensivgebieten forciert (° Kapitel 5). Beides ist mit Biodiversitätsverlusten verbunden. Extensiv genutzte Grünlandflächen (Mager- und Feuchtwiesen, Bergmähder, Streuobstwiesen) beherbergen eine spezifische biologische Vielfalt, die durch Verbuschung und Verwaldung gefährdet ist, wenn die landwirtschaftliche Nutzung eingestellt wird. Dies betrifft rund 5.000 ha Grünlandfläche pro Jahr in Österreich (BUCHGRABER 2003). Durch die Intensivierung in Grünlandgebieten wird der Artenreichtum z.B. durch zeitige Schnitte im Frühjahr und den in diesen Gebieten höheren Düngereinsatz verringert. Weiters gefährdet die Beseitigung von Landschaftselementen, wie z.B. Ackerrainen, Böschungen, Hecken und Bäumen, welche auch eine Vernetzungsfunktion haben, die Arten- und Lebensraumvielfalt (BMLFUW 2005a).
Auch der - aus Klimaschutzgründen wünschenswerte - Anbau von energetisch genutzter Biomasse in der Landwirtschaft und die vermehrte Biomassenutzung im Wald können durch Intensivierung und Ausweitung der Produktion zu Risiken für die Biodiversität führen (° Kapitel 5, ° Kapitel 6, ° Kapitel 12). In Extensivstandorten kann der Trend zur Biomassenutzung für energetische Zwecke eine Chance zur Aufrechterhaltung der Bewirtschaftung sein.
Durch Stickstoffeinträge aus der Luft (° Kapitel 2) kommt es zu negativen Veränderungen der biologischen Vielfalt. Konkurrenzschwache Arten, die an magere Standorte angepasst sind, werden durch die Überdüngung (Eutrophierung) verdrängt. Vor allem Moore und Magerrasen, aber auch Wälder sind davon betroffen (UMWELTBUNDESAMT BERLIN 2004, UMWELTBUNDESAMT 2007) (° Kapitel 6).
Critical Loads1) für den Stickstoffeintrag werden auf einem erheblichen Teil der Waldfläche Österreichs überschritten (POSCH et al. 2005).
Zudem gefährden Stoffeinträge aus der Landwirtschaft (Dünger und Pflanzenschutzmittel), Biozide (z.B. Schädlingsbekämpfungsmittel) oder hormonell wirksame Substanzen die biologische Vielfalt (RELYEA 2005, LIESS et al. 2001, UMWELTBUNDESAMT 2002a, HUTCHINSON 2002, OETKEN et al. 2004).
1) Critical Loads = ökologische Belastungsgrenzen für den Eintrag von Luftschadstoffen in ein Ökosystem.
____________
Lebensraumzerschneidung
Für den Arten- und Lebensraumverlust ist das Voranschreiten der Zerschneidung von Lebensräumen ein entscheidender Faktor (° Kapitel 15). Diese Zerschneidung, vor allem durch Straßen, führt zur Destabilisierung von Populationen, Unterbrechung des Genflusses zwischen Populationen, Erhöhung der Aussterbensrate auf kleinen Biotopinseln, Senkung der Wiederbesiedelungsrate isolierter Lebensräume und zu Randeffekten (Verlärmung und Änderung des Mikroklimas in betroffenen Lebensräumen) (ZULKA & LEXER 2004, UMWELTBUNDESAMT 2004a). Beispielsweise ist für Amphibien (Kröten, Frösche, Salamander) die Zerschneidung der Landschaft Gefährdungsfaktor Nr. 1.
Lebensraumverlust
Versiegelung führt auch zum Verlust naturnaher Lebensräume. Das aktuelle Ausmaß des Flächenverbrauchs ist im ° Kapitel 15 dargestellt.
Verluste an Feuchtgebieten (Teiche, Moore, Feuchtwiesen, Flüsse, Auen etc.), die eine einzigartige biologische Vielfalt beherbergen, finden seit den 1950er Jahren durch Entwässerungen und Flussregulierungen zur landwirtschaftlichen Nutzung bzw. zur Sicherung von Siedlungsräumen statt (STALZER 1999) (° Kapitel 1). Beispielsweise wurde für Libellen, welche Feuchtgebiete als Lebensräume benötigen, eine Gefährdung vieler heimischer Arten festgestellt: Gemäß der neu erstellten Roten Liste für Österreich werden 52 (67,5%) der 77 in Österreich vorkommenden Arten in unterschiedlichen Gefährdungsstufen angeführt (UMWELTBUNDESAMT 2006).
Klimawandel
Bergökosysteme zählen zu den durch den Klimawandel am stärksten beeinflussten Ökosystemen in Europa (SCHRÖTER 2005), wodurch Österreich als Alpenland besonders stark betroffen ist (° Kapitel 4). Viele alpine Pflanzenarten werden langfristig durch die Vegetation tiefer liegender Höhenzonen verdrängt, z.B. durch Waldökosysteme, die in höhere Regionen wandern (DULLINGER et al. 2004). So wird in den Nordöstlichen Kalkalpen bei einer Klimaerwärmung um 2 °C ein beinahe völliger Lebensraumverlust für 50% der alpinen Pflanzenarten erwartet (DIRNBÖCK et al. 2003) (° Kapitel 4, ° Kapitel 6).
Rote Listen und Neobiota
Abbildung 1: Rote Liste Biotoptypen: Anzahl der Biotoptypen und Anteil der gefährdeten Biotoptypen.
Zur Erfassung der Gefährdungssituation bestimmter Lebensraumtypen wurde die Rote Liste Biotoptypen erstellt (UMWELTBUNDESAMT 2002b, 2004b, 2005; siehe Abbildung 1). Von 61 Grünlandbiotoptypen wurden 55 Biotoptypen einer Gefährdungskategorie zugeordnet. Vor allem landwirtschaftlich extensiv genutzte Wiesen (z.B. Magerrasen, Feuchtwiesen) sind in ihrem Bestand stark gefährdet (siehe Abbildung 2).
Aber auch Auen-Lebensräume, die an naturnahe Fließgewässer gebunden sind, weisen aufgrund von Gewässerverbauungen eine hohe Gefährdung auf.
Abbildung 2: Verbreitungskarte der Magergrünland- biotoptypen in Österreich
Von den 14 Auwaldbiotoptypen sind acht Biotoptypen in die Gefährdungskategorien "von vollständiger Vernichtung bedroht" und "stark gefährdet" eingereiht.
Einen Hinweis auf die Aussterbenswahrscheinlichkeit von Arten geben die Roten Listen gefährdeter Tiere und Pflanzen, die in Tabelle 1 und Tabelle 2 dargestellt sind. Der Anteil gefährdeter Tier- und Pflanzenarten liegt in keiner Organismengruppe unter 20%, bei einigen Organismengruppen sogar über 60% (Lurche, Kriechtiere und Flechten).
Tabelle 1: Rote Liste Tiere: Anzahl der Arten und Anteil gefährdeter Arten in Prozent (BMLFUW 2005b, 2007).
| Anzahl der Arten | Anteil gefährdeter Arten an den in Österreich vorkommenden Arten in% | |
| Säugetiere | 101 | 27% |
| Vögel | 242 | 27% |
| Kriechtiere | 14 | 64% |
| Lurche | 20 | 60% |
| Fische | 84 | 46% |
| Heuschrecken | 126 | 38% |
| Tagfalter (div. Familien) | 215 | 27% |
| Nachtfalter (div. Familien) | 800 | 25% |
| Schnecken | 455 | 35% |
| Muscheln | 35 | 37% |
Tabelle 2: Rote Liste Pflanzen: Anzahl der Arten nach Gefährdungseinstufung (NIKLFELD 1999). Farbig unterlegt sind die Kategorien für den Anteil gefährdeter Arten.
Neobiota, das sind nicht-heimische Pflanzen-, Tier- und Pilzarten, können die biologische Vielfalt beeinträchtigen, wenn sie ursprüngliche Arten verdrängen (UMWELTBUNDESAMT 2002c).
Diese invasiven und potenziell invasiven Neobiota-Arten wurden 2004 im Aktionsplan Neobiota veröffentlicht (BMLFUW 2004a): 35 Pflanzenarten (z.B. Eschen-Ahorn, Robinie, Ambrosie, Goldrute), 47 Tierarten (z.B. amerikanischer Flusskrebs, spanische Wegschnecke) und sechs Pilzarten (z.B. Erreger des Ulmensterbens, der Krebspest) zählen dazu.
Erhaltung der biologischen Vielfalt durch Schutzgebiete
Die Anzahl, Fläche und Kategorien von Schutzgebieten in Österreich haben in den letzten beiden Jahrzehnten kontinuierlich zugenommen (UMWELTBUNDESAMT 2004a, Kapitel Naturschutz). Beispielsweise ist die Anzahl der Naturschutzgebiete von 118 im Jahr 1980 auf 404 im Jahr 2006 gestiegen. Mit Dezember 2006 bestehen in Österreich 1.166 naturschutzrechtlich geschützte Gebiete, die eine Fläche von 29.657 km2 umfassen, das entspricht rund 35% der Landesfläche (siehe Tabelle 3 und Abbildung 3 auf den nächsten Seiten). Allerdings beinhaltet diese Zahl auch Überlagerungsflächen, die verschiedenen Kategorien zugeordnet sind. Die Wirksamkeit für die Erhaltung der biologischen Vielfalt hängt maßgeblich von den jeweiligen rechtlichen Schutzregimen und von einem geeigneten Management ab. Es gibt in Österreich unterschiedlichste Schutzniveaus und -bestimmungen, von strengem Schutz (z.B. Kernzonen in Nationalparks) bis zu marginalem Schutz. Eine Untersuchung der österreichischen Schutzgebiete zum Biodiversitätsschutz in Wäldern ergab, dass dieser großteils nicht in den jeweiligen Schutzzielen der Naturschutzverordnungen verankert ist. Folglich bestehen keine Verpflichtungen für spezielle Schutzmaßnahmen (UMWELTBUNDESAMT 2004c) (° Kapitel 6).
Die Natura 2000-Gebietsliste ist für Österreich noch nicht vollständig. Von insgesamt 65 für Österreich relevanten Lebensraumtypen sind bisher 18 nicht durch Gebietsnennungen ausreichend abgedeckt, das Gleiche gilt für 12 von 92 Tier- und Pflanzenarten. Die rechtliche Umsetzung der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie ist noch mangelhaft, wie im Urteil durch den Europäischen Gerichtshof vom 10. Mai 2007 (EUGH 2007) festgestellt worden ist. Betroffen sind die Bundesländer Kärnten, Niederösterreich, Oberösterreich, Salzburg, Steiermark und Tirol.
Tabelle 3: Fläche von Schutzgebiets- kategorien in Österreich in % der Landesfläche.
Österreich hat derzeit 15% der Landesfläche als Natura 2000-Gebiet nominiert und liegt damit im EU-Durchschnitt (TIROLER LANDESREGIERUNG 2006, EK 2006).
Die nationalen Schutzgebietsverordnungen für jedes Natura 2000-Gebiet in Österreich, die eine Gebietsabgrenzung, Beschreibung der Schutzinhalte, Erhaltungsziele sowie Rechte und Pflichten in den Gebieten beinhalten sollten, liegen noch nicht vollständig vor. Derzeit sind 214 Natura 2000-Gebiete nominiert, davon liegen 88 Schutzgebietsverordnungen vor (Stand: Dezember 2006). Diese werden meist Europaschutzgebiete genannt.
Abbildung 3: Naturschutzrechtlich verordnete Gebiete in Österreich
Seit 2006 entsprechen alle sechs Nationalparks in Österreich der international vergleichbaren Schutzgebietskategorie II gemäß Weltnaturschutzunion IUCN, das heißt, sie verfügen über eine Mindestfläche von 75% der Nationalparkfläche an nicht mehr durch den Menschen beeinflusster Landschaft: Nationalpark Donau-Auen, Nationalpark Gesäuse, Nationalpark Hohe Tauern, Nationalpark Kalkalpen, Nationalpark Neusiedler See-Seewinkel und Nationalpark Thayatal.
International bedeutende Feuchtgebiete (Ramsar-Gebiete) bestehen in allen Bundesländern. Im Berichtszeitraum sind drei neue Ramsar-Gebiete ausgewiesen worden, somit verfügt Österreich über 19 Ramsar-Gebiete mit einer Gesamtfläche von 138.035 ha (Stand: Dezember 2006).
Biosphärenparks (international: Biosphärenreservate, Gebiete im Rahmen des UNESCO-Programms MAB) umfassen großflächige Ökosysteme von herausragender Bedeutung für die Erhaltung der biologischen Vielfalt. Außerhalb der Kernzonen steht die nachhaltige regionale Entwicklung im Vordergrund. Ein Beispiel dafür ist der Biosphärenpark Großes Walsertal, wo das Prädikat "Biosphärenpark" für die Vermarktung bäuerlicher Produkte, den Tourismus und für die Darstellung kultureller Aspekte genutzt wird. Der Wienerwald ist seit Juli 2005 ebenfalls ein Biosphärenpark. Diese zwei neueren österreichischen Biosphärenparks entsprechen weitgehend den in der Sevilla-Strategie festgelegten Vorgaben der UNESCO hinsichtlich Management, Forschung, Monitoring und Bildungsaktivitäten (UNESCO & MAB-ICC 1995), während die älteren vier Biosphärenparks derzeit dahingehend überprüft bzw. angepasst werden.
Deutsch
english





















