Hormonell (endokrin) schädigende Chemikalien

Definition und Kriterien

Um die Bewertung hormonell schädigender Stoffe zu unterstützen, wurde 2014 bei der Europäischen Chemikalienagentur ECHA eine eigene Arbeitsgruppe eingerichtet, an der ExpertInnen der Mitgliedstaaten, ECHA, Europäischer Kommission, Industrie und Nichtregierungsorganisationen teilnehmen.

Als Basis für die Bewertung wird die WHO-Definition für endokrin schädigende Stoffe herangezogen: „Ein endokriner Disruptor ist ein exogener Stoff oder Gemisch, welcher/s die Funktion(en) eines endokrinen Systems ändert und daher nachteilige Gesundheitsauswirkungen im intakten Organismus oder seinen Nachkommen oder (Sub)populationen hat.“

 

Im Pflanzenschutzmittel- und Biozidprodukterecht sind hormonschädigende Chemikalien bereits verankert und stellen ein Ausschlusskriterium für die Zulassung dar. Insbesondere im Biozidprodukterecht können Stoffe dennoch zugelassen werden, wenn das Risiko für Mensch und Umwelt vernachlässigbar ist, oder sozioökonomische Gründe  für eine Zulassung sprechen: In diesem Fall überwiegen die Vorteile - etwa effiziente Keimabwehr - über die negativen Auswirkungen.

Allerdings standen lange Zeit keine wissenschaftlichen Kriterien zur Verfügung. Kriterien, die weitgehend auf der WHO-Definition beruhen, treten am 7. Juni 2018 im Biozidprodukterecht in Kraft (siehe Infobox). Neue Leitlinien für die Bewertung sollen bis zu diesem Zeitpunkt ausgearbeitet sein. Im Pflanzenschutzmittelrecht muss hier noch die Entscheidung vom Europäischen Parlament erfolgen. 

Derzeitiger Stand der Regulierung von endokrin schädigenden Stoffen (Jänner 2018)

Zurzeit befinden sich zwölf Chemikalien wegen ihrer endokrin schädigenden Eigenschaften für Umwelt und/oder Gesundheit auf der Kandidatenliste:

Stoffname U   G
4-(1,1,3,3-Tetramethylbutyl)phenol (4-tert-Oktylphenol)  x  
4-(1,1,3,3-Tetramethylbutyl)phenolethoxilat (4-tert-Oktylphenolethoxilat)  x  
4-Nonylphenol, verzweigt und linear   x  
4-Nonylphenolethoxilat, verzweigt und linear  x  
4-Heptylphenol, verzweigt und linear *  x  
Reaktionsprodukt von 1,3,4-Thiadiazolidine-2,5-dithione, Formaldehyd und 4-Heptylphenol, verzweigt und linear [mit ≥0.1% w/w 4-Heptylphenol, verzweigt und linear]*  x  
p-(1,1-Dimethylpropyl)phenol (4-tert-Pentylphenol)  x  
Bis (2-ethylhexyl)phthalat (DEHP) x x
Diisobutylphthalat    x
Benzylbutylphthalat (BBP)    x
Dibutylphthalat (DBP)    x
4,4’-Isopropylidenediphenol (Bisphenol A; BPA)  x x

U ... ED für Umwelt

G ... ED für menschliche Gesundheit

 

* Diese Dossiers wurden von österreichischer Seite erstellt (Umweltbundesamt im Auftrag des Bundesministeriums für Nachhaltigkeit und Tourismus).

 

Zudem ist zu erwarten, dass ein weiteres Phthalat - Dizyklohexylphthalat – wegen seiner hormonell schädigenden Wirkung auf den Menschen der Liste hinzugefügt wird.

 

Für Nonylphenol sowie 4-Nonylphenolethoxilat, verzweigt und linear, bestehen bereits Beschränkungen (gemäß Anhang XVII der REACH-Verordnung) für die Anwendung als Stoffe bzw. in Gemischen für verschiedene Zwecke, wie etwa gewerbliche Reinigung und Kosmetika. Zudem wird 2022 eine weitere Beschränkung wegen Nonylphenolethoxilat in Textilien in Kraft treten.

 

4-Oktylphenolethoxilat (in Farben und Coatings verwendet) sowie 4-Nonylphenolethoxilat, verzweigt und linear  (als Intermediat für die Herstellung von Detergenzien, Farben und  Personal Care Produkten in Verwendung) wurden in den Anhang XIV aufgenommen: Hier sind jene besonders besorgniserregende Stoffe gelistet, für die bei weiterer Verwendung ein Zulassungsantrag gestellt werden muss.

 

Auch für Bisphenol A wird eine Beschränkung in Kraft treten: Thermodruckpapier mit einem BPA-Gehalt ab 0.02 Gewichtsprozent darf nicht nach dem 2.1.2020 auf dem EU-Markt platziert werden.

 

DEHP,  DBP und BBP sind in Spielzeug und Babyartikel ab 0,1 Gewichtsprozent beschränkt.

 

Zudem werden Stoffbewertungen zur Klärung potenzieller endokriner Schädigungen durchgeführt. Dieses REACH-Instrument zielt darauf ab, für ausgewählte Chemikalien mögliche Gefahren und Risiken für Umwelt und Gesundheit abzuklären und die dafür notwendigen Daten in Form von Tests von den Registranten der Stoffe nachzufordern. Auch Österreich ist hier aktiv: Das Umweltbundesamt führt Stoffbewertungen im Auftrag des Bundesministeriums für Nachhaltigkeit und Tourismus durch. Zwei Stoffe der laufenden Bewertungen wurden unter anderem wegen Verdachts auf endokrin schädigende Wirkung für die Stoffbewertung ausgewählt:

  • 2,2′,6,6′-tetra-tert-Butyl-4,4′- methylenediphenol
  • 6,6'-di-tert-Butyl-4,4'-thiodi-m-cresol

Endokrin schädigende Stoffe unter REACH

In der deutschsprachigen Version der REACH-Verordnung findet sich die Bezeichnung „endokrine Eigenschaften“ einerseits im Artikel 57f und andererseits in Artikel 138 (7). In der englischen Version, welche die rechtsverbindliche Version darstellt, sind „endocrine disrupting properties“ genannt, was eigentlich besser mit „endokrin schädigende Eigenschaften“ zu übersetzen wäre.

Beide Artikel betreffen das unter REACH neu eingeführte Instrument der Zulassung: Diese zielt letztlich auf den Ersatz besonders besorgniserregender Stoffe (= SVHC-Stoffe – Substances of Very High Concern) durch weniger gefährliche ab.

 

Artikel 57f besagt, dass Stoffe, welche besorgniserregende endokrin schädigende Wirkungen haben, in die sogenannte Kandidatenliste aufgenommen werden können und daher prinzipiell zulassungspflichtig sein können.

 

Artikel 138 (7) legt fest, dass die Kommission bis 1. Juni  2013 eine Überprüfung durchführen muss, die klären soll, ob endokrin schädigende Stoffe zu jenen Stoffen gehören, für die kein Schwellenwert abgeleitet werden kann. Hier gab es eine Übereinkunft auf Mitgliedstaatenebene, dass bei hormoneller Schädigung wegen der derzeitigen Unsicherheiten kein Schwellenwert anzunehmen ist (außer ein Antragsteller aus der Industrie kann diesen nachweisen). Zu diesen Unsicherheiten gehören die limitierte Anzahl an vorhandenen Tests und die Limitierung durch die Tests an sich (in vielen Tests werden kritische Phasen der Entwicklung nicht mitgetestet oder entscheidende Parameter nicht erhoben).

Schlussbemerkung

In der REACH-Verordnung gibt es bereits einige vielversprechende Ansätze zur besseren Bewertung und Regulierung von endokrin schädigenden chemischen Stoffen. Allerdings müssen noch zahlreiche Wissens- und Datenlücken geschlossen werden – dazu gehört auch, schädigende Wirkungen von Gemischen aus endokrin schädigenden Stoffen besser zu erfassen. Eine rasche Einigung auf wissenschaftlich gut fundierte Kriterien, die über mehrere Regelungsbereiche hinweg anzuwenden sind, würde wesentlich dazu beitragen, die Rechtssicherheit zu stärken und Risiken für Mensch und Umwelt zu reduzieren.

Infobox

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Kriterien für Biozidprodukte

AGES

Phthalate

Bisphenol A