Hormonell (endokrin) schädigende Chemikalien

Definition und Kriterien

Um die Bewertung hormonell schädigender Stoffe zu unterstützen, wurde 2014 bei der Europäischen Chemikalienagentur ECHA eine eigene Arbeitsgruppe eingerichtet, an der ExpertInnen der Mitgliedstaaten, ECHA, Europäischer Kommission, Industrie und Nichtregierungsorganisationen teilnehmen. Als Basis für die Bewertung wird die WHO-Definition für endokrin schädigende Stoffe herangezogen: „Ein endokriner Disruptor ist ein exogener Stoff oder Gemisch, welcher/s die Funktion(en) eines endokrinen Systems ändert und daher nachteilige Gesundheitsauswirkungen im intakten Organismus oder seinen Nachkommen oder (Sub)populationen hat.“

 

Im Pflanzenschutzmittel- und Biozidrecht sind hormonschädigende Chemikalien bereits verankert. Allerdings besteht bei der Festlegung wissenschaftlicher Kriterien Handlungsbedarf: Die Kommission hätte diese bis Ende 2013 erlassen müssen. Zurzeit arbeitet sie allerdings noch an einer Folgenabschätzung von vier möglichen Ausgestaltungsoptionen: Drei dieser Optionen verwenden die WHO-Definition als Ausgangspunkt.

 

Aufgrund der fehlenden Kriterien reichte Schweden 2014 vor dem Europäischen Gerichtshof Klage gegen die Europäische Kommission ein. Der EU-Ministerrat hat sich der Klage angeschlossen und auch das Europäische Parlament unterstützt diese. Mitte Juni 2016 hat nun die Europäische Kommission einen Entwurf veröffentlicht, in dem wissenschaftliche Kriterien zu endokrinen Disruptoren beschrieben werden. Das Umweltbundesamt hat gemeinsam mit der AGES eine technische Stellungnahme dazu erarbeitet (siehe Infobox). Das Umweltbundesamt tritt etwa dafür ein, die Kriterien um das Wort „presumed“ zu ergänzen, um einen sicheren Umgang mit chemischen Stoffen zu gewährleisten und die Konsistenz zu bestehendem Chemikalienrecht zu wahren. Zudem sollten einige weitere Begriffe ergänzt, gelöscht oder adaptiert werden. Das Umweltbundesamt begrüßt, dass die Potenz nicht im Kriterienentwurf enthalten ist, da mit diesem Begriff derzeit noch viele Unsicherheiten in der Bewertung verbunden sind.  

Derzeitiger Stand der Regulierung von endokrin schädigenden Stoffen (September 2016)

Zurzeit befinden sich fünf Chemikalien wegen ihrer endokrin schädigenden Eigenschaften auf der Kandidatenliste:

  • 4-(1,1,3,3-tetramethylbutyl)phenol
  • 4-(1,1,3,3-tetramethylbutyl)phenol, ethoxiliert
  • 4-Nonylphenol, verzweigt und linear
  • 4-Nonylphenol, verzweigt und linear, ethoxiliert
  • Bis (2-ethylhexyl)phthalat (DEHP)

Für Nonylphenol sowie 4-Nonylphenol, verzweigt und linear, ethoxyliert bestehen bereits Beschränkungen (gemäß Anhang XVII der REACH-Verordnung) für die Anwendung als Stoffe bzw. in Gemischen für verschiedene Zwecke, wie etwa gewerbliche Reinigung und Kosmetika. Derzeit befindet sich außerdem eine weitere Beschränkung wegen ethoxiliertem Nonylphenol in Textilien in einem Abstimmungsprozess.

Zudem werden Stoffbewertungen zur Klärung potenzieller endokriner Schädigungen durchgeführt. Dieses REACH-Instrument zielt darauf ab, für ausgewählte Chemikalien mögliche Gefahren und Risiken für Umwelt und Gesundheit abzuklären und die dafür notwendigen Daten in Form von Tests von den Registranten der Stoffe nachzufordern. Auch Österreich ist hier aktiv: Das Umweltbundesamt führt Stoffbewertungen im Auftrag des Bundesministeriums für Land-, Forst-, Umwelt- und Wasserwirtschaft durch. Zwei Stoffe der laufenden Bewertungen wurden unter anderem wegen Verdachts auf endokrin schädigende Wirkung für die Stoffbewertung ausgewählt:

  • 2,2′,6,6′-Tetra-tert-butyl-4,4′- methylenediphenol
  • 6,6'-di-tert-butyl-4,4'-thiodi-m-cresol

 

Zudem hat das Umweltbundesamt im Auftrag des Bundesministeriums für Land-, Forst-, Umwelt- und Wasserwirtschaft ein Dossier verfasst, das dazu dienen soll folgenden Stoff wegen seiner endokrin schädigenden Eigenschaften für die Umwelt auf die Kandidatenliste zu bringen:

  • 4-Heptylphenol, verzweigt und linear

Endokrin schädigende Stoffe unter REACH

In der deutschsprachigen Version der REACH-Verordnung findet sich die Bezeichnung „endokrine Eigenschaften“ einerseits im Artikel 57f und andererseits in Artikel 138 (7). In der englischen Version, welche die rechtsverbindliche Version darstellt, sind „endocrine disrupting properties“ genannt, was eigentlich besser mit „endokrin schädigende Eigenschaften“ zu übersetzen wäre.

Beide Artikel betreffen das unter REACH neu eingeführte Instrument der Zulassung: Diese zielt letztlich auf den Ersatz besonders besorgniserregender Stoffe (= SVHC- Stoffe – Substances of Very High Concern) durch weniger gefährliche ab.

Artikel 57f besagt, dass Stoffe, welche besorgniserregende endokrin schädigende Wirkungen haben, in die sogenannte Kandidatenliste aufgenommen werden können und daher prinzipiell zulassungspflichtig sein können.

Artikel 138 (7) legt fest, dass die Kommission bis 1. Juni 2013 eine Überprüfung durchführen muss, die klären soll, ob endokrin schädigende Stoffe zu jenen Stoffen gehören, für die kein Schwellenwert abgeleitet werden kann. Hier gab es eine Übereinkunft auf Mitgliedstaatenebene, dass bei hormoneller Schädigung wegen der derzeitigen Unsicherheiten kein Schwellenwert anzunehmen ist (außer ein Antragsteller aus der Industrie kann diesen nachweisen). Zu diesen Unsicherheiten gehören die limitierte Anzahl an vorhandenen Tests und die Limitierung durch die Tests an sich (in vielen Tests werden kritische Phasen der Entwicklung nicht mitgetestet oder entscheidende Parameter nicht erhoben).

Schlussbemerkung

In der REACH-Verordnung gibt es bereits einige vielversprechende Ansätze zur besseren Bewertung und Regulierung von endokrin schädigenden chemischen Stoffen. Allerdings müssen noch zahlreiche Wissens- und Datenlücken geschlossen werden – dazu gehört auch, schädigende Wirkungen von Gemischen aus endokrin schädigenden Stoffen besser zu erfassen. Eine rasche Einigung auf wissenschaftlich gut fundierte Kriterien, die über mehrere Regelungsbereiche hinweg anzuwenden sind, würde wesentlich dazu beitragen, die Rechtssicherheit zu stärken und Risiken für Mensch und Umwelt zu reduzieren.