Risikoabschätzung bei komplexen GVO

Einzelne gentechnisch veränderte Organismen (GVO), z.B. gentechnisch veränderte Maissorten,  werden derzeit oft durch Züchtung miteinander kombiniert. Auf diese Weise entstehen Sorten die mehrere gentechnischen Veränderungen enthalten, ohne dass bei der Herstellung dieser kombinierten GVO nochmals neue gentechnische Veränderungen vorgenommen werden. Solche Sorten werden auch als "Stacked Events" bezeichnet.

Neue Herausforderungen bei "Stacked Events"

Für die Risikoabschätzung von GVO stellen "Stacked Events" einen Sonderfall dar. Da es bei der Kombination von einzelnen GVO durch Züchtung zu keinem weiteren gentechnischen Eingriff kommt, bezieht sich die Argumentation der Hersteller bei der Risikoabschätzung häufig auf Ergebnisse der Sicherheitsüberprüfung der elterlichen GVO, die für die Herstellung des "Stacked Events" verwendet wurden.

Bei einer derartigen Vorgangsweise könnten aber mögliche Wechselwirkungen der einzelnen gentechnischen Veränderungen, sowie möglicherweise aufgetretene zusätzliche unerwünschte Veränderungen im kombinierten GVO nicht ausreichend erkannt und berücksichtigt werden.

Richtlinien für die Risikoabschätzung von "Stacked Event"s

Nach den geltenden Vorschriften und den Richtlinien der Europäischen Lebensmittelbehörde (EFSA) müssen solche kombinierten GVO genauso begutachtet werden, wie GVO die durch einen einzelnen gentechnischen Eingriff erzeugt wurden.

In Bezug auf Erfordernisse für die Risikoabschätzung bei "stacked events", besteht ein hoher Klärungsbedarf. Im Sommer 2006 wurde zu diesem Thema seitens der EFSA ein Entwurf für Richtlinien für die Risikoabschätzung bei "stacked events" veröffentlicht und ein Konsultationsverfahren zu diesem Entwurf eingeleitet.

Studie zeigt Mängel bei der Risikoabschätzung von "Stacked Events"

Da in Bezug auf die Risikoabschätzung bei "Stacked Events" die wissenschaftliche Diskussion erst am Anfang steht, hat das Umweltbundesamt gemeinsam mit dem Interuniversitären Forschungszentrum für Technik, Arbeit und Kultur (IFZ) der Technischen Universität Graz in einer Studie die regulatorische Praxis bei "Stacked Events" analysiert.

Die Ergebnisse der Untersuchung zeigen, dass bezüglich einer Reihe von Fragen noch erheblicher Konkretisierungsbedarf und Forschungsbedarf besteht. Darüberhinaus sind auch die vorliegenden Entwürfe für Richtlinien für die Risikoabschätzung bei "Stacked Events", z.B. der Entwurf der EFSA, unbefriedigend.

Weitere Schritte

Im vorliegenden Bericht zur beschriebenen Studie werden unter anderen folgende offenen Fragen aufgeworfen:

  • Ist die molekulargenetische Charakterisierung von „Stacked Events“ ausreichend, um geringfügige aber eventuell relevante Veränderungen nachzuweisen zu können?
  • Können eventuell auftretende, nachteilige Wechselwirkungen der veränderten Eigenschaften erkannt werden und mit welche Methoden sollen bei derartigen Untersuchungen sinnvollerweise verwendet werden?
  • Wann sind weiterführende Untersuchungen bei „Stacked Events“, z.B. zur Toxizität der gentechnisch veränderten Lebensmittel oder zu spezifischen Umweltwirkungen, notwendig?
     

Diese Fragen lassen sich weder aus den eingereichten Antragsunterlagen noch in den bisher vorliegenden Leitlinien klären.

 

Der Leitlinien-Entwurf der EFSA wurde von verschiedenen Seiten deshalb sehr kritisch beurteilt und seitens der EFSA erst nach Überarbeitung im Mai 2007 publiziert. Es sind allerdings noch weitere Anstrengungen nötig für die Erarbeitung von wissenschaftlich tragfähigen und ausreichend konkreten Leitlinien für die Risikoabschätzung von "Stacked Events".