Wienerwald-Thermenregion

Ornithologische Bedeutung

 

Der Wienerwald und die angrenzende Thermenlinie sind von österreichweiter Bedeutung für den Vogelschutz. Als größtes zusammenhängendes Laubwaldgebiet Österreichs, das durch teilweise noch extensiv genutzte Wiesen aufgelockert wird, bietet der Wienerwald einer Reihe von gefährdeten Arten Lebensraum.

 

Die extensiv genutzt Kulturlandschaft an der Thermenlinie am Rande der pannonischen Region beherbergt eine Reihe gefährdeter Arten der extensiv genutzten Kulturlandschaft.

 

Durch die Großflächigkeit des SPAs ist die Erhaltung großer Populationen gewährleistet. Die seit den frühen 1990er Jahren intensivierte ornithologische Erfassung führte auch zu einem erfreulichen Kenntniszuwachs über das Gebiet und erlaubt nunmehr auch Bestandsangaben für die meisten Arten (z.B. Berg & Zuna-Kratky 1992 sowie in litt., Steiner 1994, 1997, Steiner & Kautz 1997, Frank & Berg 2001). Alle nachfolgenden Bestandsangaben, sofern nicht mit eigenem Zitat versehen, beziehen sich auf unveröffentlichte Angaben aus dem Archiv von BirdLife Östereich.

 

Die Wälder des Wienerwaldes sind für Spechte von großer Bedeutung, sie beherbergen Brutvorkommen aller in Österreich (im Wald) vorkommenden Arten. Häufig und verbreitet sind Grauspecht (Picus canus) mit 100-150 Bp., Grünspecht (Picus viridis), Schwarzspecht (Dryocopus martius) mit 150-200 Bp. und Mittelspecht (Picoides s medius) mit 300-500 Bp., seltener und nur lokal vorkommend Weißrückenspecht (Picoides leucotos) mit 20-30 Bp. Und Kleinspecht (Picoides minor). Im Jahr 2000 gelang ein erster Brutnachweis für den Dreizehenspecht (Picoides tridactylus) (Kautz 2001).

 

Vom reichlichen Specht-Vorkommen profitieren auch andere Höhlenbrüter wie z. B. die Hohltaube (Columba oenas), die im Wienerwald mit 400-600 Paaren den Schwerpunkt ihrer Verbreitung in Österreich hat. Im Wienerwald findet man die größten österreichischen Bestände des Zwergschnäppers (Ficedula parva) mit 180-360 Bp. sowie des Halsbandschnäppers (Ficedula albicollis) mit 900-1.800 Bp.

 

Ebenfalls von hoher Bedeutung sind die Brutbestände von Schwarzstorch (Ciconia nigra) mit aktuell 24-28 Brutpaaren und Wespenbussard (Pernis apivorus) mit grob geschätzten 32-64 Paaren.

 

Zu den charakteristischen und häufigen Waldvögeln der Buchenwälder zählen Singdrossel (Turdus philomelos), Misteldrossel (Turdus viscivorus) und Waldlaubsänger (Phylloscopus sibilatrix), letzterer mit einem geschätzten Bestand von 2.000-5.000 Paaren.

 

In den Kiefernwäldern des Alpenostrandes brüten 9-16 Paare des Ziegenmelkers (Caprimulgus europaeus), hier liegen auch die nordöstlichsten Brutvorkommen des Berglaubsängers (Phylloscopus bonelli) in Österreich.

 

Nur mehr selten anzutreffen mit einem Bestand von bestenfalls 2-6 Paaren ist das Haselhuhn (Bonasa bonasia), während das Auerhuhn (Tetrao urogallus) mittlerweile verschwunden sein dürfte (aber bis Anfang der 1990er Jahre noch als gelegentliches Wechselwild auftrat).

 

Einige Arten der nadelholzdominierten hochmontanen und subalpinen Lagen der Alpen erreichen im südlichen Wienerwald ihre Arealgrenze, so z. B. Sperlingskauz (Glaucidium passerinum) und Rauhfußkauz (Aegolius funereus), von beiden Arten sind allerdings nur wenige Nachweise aus dem Wienerwald bekannt.

 

Die extensiv genutzten Wienerwaldwiesen beherbergen eine der bedeutendsten Populationen des Wachtelkönigs (Crex crex) in Österreich, in guten Jahren erreichte der Bestand 20 (1998) und 38 (1999) rufende Männchen, in schwachen Jahren (z.B. 2001) wurden nur zwei gezählt.

 

An den Wienerwaldbächen brüten Eisvogel (Alcedo atthis), Wasseramsel (Cinclus cinclus) und Gebirgsstelze (Motacilla cinerea). Hingegen bieten nur wenige Wasserflächen Rastmöglichkeiten für durchziehende Wasservögel, am ehesten noch der Wienerwaldsee (Kautz 1996).

 

An den Felsformationen und Steinbrüchen des Alpenostrandes findet sich eine der größten Populationen des Uhus (Bubo bubo) in Österreich mit derzeit 22-29 Brutpaaren.

 

An der Thermenlinie findet sich die größte österreichische Population der Heidelerche (Lullula arborea). Der Bestand ist seit Beginn der 1990er Jahre (damals rund 60 Reviere) deutlich gewachsen, die neueste Bestandsaufnahme ergab 165-176 Reviere (A. Panrok unveröff).

 

Andere im offenen Kulturland der Thermenlinie vorkommende Arten des Anhangs I sind Blutspecht (Picoides syriacus), Sperbergrasmücke (Sylvia nisoria) und Neuntöter (Lanius collurio), erloschen ist hingegen das Vorkommen des Ortolans (Emberiza hortulana).

 

Bemerkenswert ist ferner das einzige niederösterreichische Vorkommen der Zaunammer (Emberiza cirlus) mit 1-2 Revieren in den Jahren 1998-2001 sowie ein Kleinvorkommen der Zippamer (Emberiza cia) mit 10-11 Revieren im Jahr 2001 (A. Panrok unveröff).

 

Die hohe Wertigkeit ergibt sich aus der Vielzahl verschiedener Lebensräume (darunter zahlreiche prioritäre Habitate), unter denen die wärmegetönten Trockenlebensräume mit vielen schützenswerten Arten eine herausragende Stellung einnehmen. Aus vogelkundlicher Sicht ist der Wienerwald für Vogelarten des Laubwaldes das wichtigste Gebiet Österreichs, weiters zählt er zu den geeignetsten Gebieten für den Wachtelkönig. An der Thermenlinie sind die bedeutenden Populationen von Heidelerche und Uhu besonders hervorzuheben.

Beeinträchtigung und Erhaltungszustand

Besonders die Trockenstandorte im Süden von Wien, etwa Perchtoldsdorfer Heide, Eichkogel, Anninger etc. sind beliebte Ausflugsziele. Hier können ein dichtes Netz an Pfaden, ebenso wie stark zertrampelte Lagerflächen unerwünschte Beeinträchtigungen darstellen. Andererseits wird die Verbuschung der Trockenrasen anstelle des Weideviehs durch Erholungssuchende verhindert. Einige Trockenrasen werden durch die Ausbreitung von Robinie (Robinia pseudacacia) oder Götterbaum (Ailanthus altissima) bedroht.

 

Zahlreiche Waldstandorte wurden forstlich stark verändert. So wurden über den flachgründigen Standorten des östlichen Kalk-Wienerwaldes häufig Schwarzföhren-Forste errichtet, während im westlichen Wienerwald Fichten- und Lärchenforste weit verbreitet sind.

 

Zahlreiche Extensivwiesen wurden in den letzten Jahrzehnten aufgeforstet. In den meisten Wienerwaldgemeinden nahm der Grünlandflächenanteil in der Zeitspanne von 1973-1990 stark (7,5-12,5 %) bis sehr stark (>12,5 %) ab, bei gleichzeitiger Zunahme der Ackerflächen sowie einer z.T. sehr starken Zunahme der Baulandflächen (15-25 %). Der Siedlungsdruck ist besonders im Süden und Südwesten von Wien sehr hoch.

 

Die hohen Imissionen aufgrund der Großstadtnähe und den zahlreichen das Gebiet durchschneidenden Verkehrsadern schädigen den Wald, insbesondere Tanne (Abies alba) und die Eichen (Quercus sp.).

 

In verschiedenen Gemeinden werden mineralische Rohstoffe (Kalk, Schotter) abgebaut (z.B. in Alland, Gaaden, Kaltenleutgeben und Laab im Walde) .

 

Die Intensivierung der Forstwirtschaft stellt die größte Gefährdung für die Waldvogelwelt des Wienerwaldes dar. Dazu zählt neben Verkürzung der Umtriebszeiten, Reduzierung des Totholzangebotes gerade hier auch die Verdrängung von Laubwäldern durch Koniferenplantagen.

 

Die extensiv genutzten Wiesen sind einerseits durch eine intensivierte Bewirtschaftung (einschließlich Entwässerungen und Geländekorrekturen) andererseits durch Zerstörung infolge Umwandlung in Ackerland oder Zersiedelung bedroht.

 

Der infolge der Nähe zur Stadt Wien große Besucherdruck führt auch zunehmend zu einer Belastung durch eine Reihe störungsintensiver Modesportarten (Mountainbiking, Felsklettern).

 

Entlang der Thermenlinie führt v.a. die Intensivierung oder Nutzungsaufgabe ehemals extensiv genutzter Flächen (Weingärten, Wiesen) zu Lebensraumverlusten. Daneben sind auch hier Zersiedelungs- und Freizeitdruck spürbar (ZUNA-KRATKY 1995, ZUNA-KRATKY & BERG 1995).

Management

Es wurden einige Naturwaldreservate eingerichtet, in denen auf eine forstliche Nutzung verzichtet wird. Für zahlreiche Wiesen des Gebietes werden zur Aufrechterhaltung einer extensiven Bewirtschaftung Pflegeprämien aus dem ÖPUL bezahlt. Dabei handelt es sich um 5-Jahres-Verträge.

 

2005 wurde der Biosphärenpark Wienerwald ausgewiesen.

Literatur

Berg, H.-M. & Zuna-Kratky, T. (1992): Die Brutvögel des Wienerwaldes. Eine kommentierte Artenliste (Stand August 1991). Vogelkundl. Nachr. aus Ostösterreich 3 (1): 1-11.

 

Berg, H.-M., Zelz, S. & Zuna-Kratky, T. (1992): Zwei bedeutende Vorkommen der Heidelerche (Lullula arborea) in Niederösterreich. Vogelkundl. Nachr. aus Ostösterreich 3 (4): 1-6.

 

Frank, G. & H. M. Berg (2001): Verbreitung und Schutz des Schwarzstorches (Ciconia nigra) im Wienerwald. Im Auftrag der Österreichischen Bundesforste AG. BirdLife Österreich und Österreichischer Naturschutzbund, Wien. 32 pp.

 

Kautz, W. (1996): 100 Jahre Wienerwaldsee - Vogelbeobachtungen am Wienerwaldsee im Jahre 1995. Vogelkundl. Nachr. aus Ostösterreich 7 (1): 7-10.

 

Kautz, W. (2001): Erstes Brutvorkommen des Dreizehenspechtes (Picoides tridactylus) im Winerwald/Niederösterreich. Egretta 44. 138-149.

 

Steiner, M. (1994): Ergebnisse einer Brutvogelkartierung in einem Schwarzkiefern-Naturwaldreservat im südlichen Wienerwald. Vogelkundl. Nachr. aus Ostösterreich 5: 113-119.

 

Steiner, M. (1997): Schwarzspecht-Höhlen und -Revierkartierung im ÖBF-Revier Merkenstein im Wienerwald. Vogelkundl. Nachr. aus Ostösterreich 8: 101-108.

 

Steiner, M. & Kautz, W. (1997): Brutvogelkartierung im Naturwaldreservat „Gaisberg“ bei Merkenstein im Jahr 1996. Vogelkundl. Nachr. aus Ostösterreich 8: 1-6.

Vogelarten aus Anhang I

Art nicht ziehend brütend überwinternd Durchzug P E I G
Ciconia nigra   24-28p   C        
Pernis apivorus   32-64p   C        
Falco peregrinus 1-2p              
Bonasa bonasia 2-6p              
Crex crex   5-55m   R        
Bubo bubo 22-29p              
Glaucidium passerinum 1-3p              
Aegolius funereus 0-3p              
Caprimulgus europaeus   9-16p            
Alcedo atthis   6-13p            
Picus canus 100-150p              
Dryocopus martius 150-200p              
Picoides medius 300-500p              
Picoides leucotos 20-30p              
Picoides syriacus 15-30p              
Picoides tridactylus 1-2p              
Lullula arborea   120-140p            
Sylvia nisoria   10-20p            
Ficedula parva   180-360p            
Ficedula albicollis   900-1800p            
Lanius collurio   350-650p            

Weitere Vogelarten aus Roter Liste (EX, CR, EN, VU, DD) bzw. SPEC Kat. 1-3

Art nicht ziehend brütend überwinternd Durchzug P E I G
Coturnic coturnix   x            
Perdix perdix x              
Upupa epops   2-6p            
Picus viridis 250-350p              
Jynx torquilla   20-40p            
Phoenicurus phoenicurus   30-50p            
Saxicola torquata   60-70p            
Alauda arvensis   x            
Muscicapa striata   400-800p            
Emberiza cia 10-11              

Legende

p - Paare

x - kommt vor (keine Bestandesangabe möglich)

forage - Nahrungsgast

P, E, I, G - Population, Erhaltung, Isolierung und Gesamtbeurteilung (Bewertung gemäß Standdard-Datenbogen der EU)

Autor

M. Dvorak