Situation und Trends

Wald ist mit 47% der Bundesfläche das dominierende Landschaftselement in Österreich. Die Österreichische Waldinventur weist eine stetige Zunahme der Waldfläche, des Holzvorrats und des Holzzuwachses aus. Der Anteil nadelholzdominierter Bestände hat in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich zugunsten des Laubholzanteils abgenommen (BFW 1997, 2002, 2004).

 

Die multifunktionalen Waldwirkungen hängen von der Vitalität, Stabilität und biologischen Vielfalt des Waldes ab. Diese unterliegen jedoch vielfachen Gefährdungen. Zudem stellen veränderte Rahmenbedingungen die nachhaltige Waldbewirtschaftung vor neue Herausforderungen. Aus aktueller Sicht sind die folgenden Problemfelder zu beachten.

Klimawandel beeinträchtigt Wald

Waldökosysteme sind besonders verwundbar gegenüber Folgen des Klimawandels (UMWELTBUNDESAMT 2003). Trotz regionaler Prognoseunsicherheiten können Gefährdungen, die mit der Klimaänderung in Zusammenhang gebracht werden, bereits jetzt beobachtet und zukünftige Entwicklungen abgeschätzt werden.

 

Mildere Winter und längere Vegetationsperioden haben gemeinsam mit dem Düngeeffekt durch erhöhte CO2-Gehalte und Stickstoffeinträge zu deutlich gesteigerten Wachstumsleistungen von Waldbäumen im gesamten Alpenraum geführt (SPIECKER 1999, HASENAUER et al. 1999, CANNELL 1999, de VRIES et al. 2006). Modellierungsversuche haben jedoch gezeigt, dass bei gleich bleibenden oder abnehmenden Niederschlagsmengen - wie sie bei fortschreitender Klimaänderung zukünftig v.a. im Sommer prognostiziert werden - eine Umkehrung dieses Effekts wahrscheinlich ist; insbesondere für die Fichte werden starke Zuwachsverluste erwartet (SEIDL et al. 2005, LINDNER et al. 2005, LEXER et al. 2006).

 

Schwere Stürme haben in Österreich insbesondere seit den 1990er Jahren großflächige Waldschäden verursacht. 1990 waren 8 Mio. m3 Holzvorrat betroffen, 2002 über 5 Mio. m3 (STEYRER et al. 2002, TOMICZEK et al. 2003). Zuletzt sind im Jänner 2007 durch den Orkan Kyrill geschätzte 2,2 Mio. bis 3,3 Mio. m3 Sturmholz angefallen; europaweit waren es bis zu 54 Mio. m3 (ÖBF 2007). Klimaszenarien deuten darauf hin, dass Häufigkeit und Intensität derartiger Extremereignisse mit dem Klimawandel zunehmen werden (LECKEBUSCH & ULBRICH 2004). Der wirtschaftliche Schaden durch Stürme kann beträchtlich sein.

 

Der Hitzesommer 2003 hat in vielen Teilen Österreichs Trockenschäden am Wald verursacht. Zukünftig häufigere und ausgeprägtere Dürreperioden könnten die Stabilität vieler Wälder stark gefährden (BREDA et al. 2006, LEUZINGER et al. 2005). Durch Trockenstress geschwächte und durch Windwurf großflächig betroffene Waldbestände sind besonders anfällig gegenüber Borkenkäferbefall. Höhere Temperaturen und verlängerte Vegetationszeiten ermöglichen mehr Borkenkäfergenerationen pro Jahr und begünstigten das Auftreten bestimmter Schädlingsarten in montanen und subalpinen Höhenlagen sowie die Ausbreitung von mediterranen und die Etablierung eingeschleppter Schadinsektenarten (TOMICZEK et al. 2004, KREHAN & STEYRER 2004, 2006).

Abbildung 1: Simulierte natürliche Entwicklung eines sekundären Fichtenwaldes. Abbildung 1: Simulierte natürliche Entwicklung eines sekundären Fichtenwaldes.

Computersimulationen zeigen, dass sich die natürliche Baumartenzusammensetzung unter realistischen Klimaänderungsszenarien stark ändern wird (siehe Abbildung 1). Laubholzarten werden gegenüber Nadelholzarten an Ausbreitung gewinnen (UMWELTBUNDESAMT 2001a). Nadelwälder in tieferen Lagen, die in der Vergangenheit außerhalb ihrer natürlichen Verbreitungsgebiete begründet wurden, sind von den beschriebenen klimabedingten Auswirkungen bereits besonders stark betroffen (PRSKAWETZ & SCHADAUER 2000). Eine nachhaltige Bewirtschaftung von Fichtenwäldern in tieferen Lagen scheint demnach zukünftig weitgehend ausgeschlossen zu sein (UMWELTBUNDESAMT 2001a, LEXER et al. 2002).

Wald leistet Beitrag zum Klimaschutz

Die lebende Biomasse und der Waldboden entziehen der Atmosphäre CO2. In der Rechenperiode von 1990-2002 war der österreichische Wald eine Senke für 19% der österreichweiten Treibhausgasemissionen (UMWELTBUNDESAMT 2006a). Dieser Nettospeichereffekt beruht auf der Vergrößerung des Holzvorrats im österreichischen Wald, weil nur zwei Drittel des jährlichen Zuwachses genutzt werden, sowie auf gesteigerter Wuchsleistung und der Zunahme der Waldfläche (BFW 1997, 2002). Fortschreitende Klimaerwärmung kann jedoch dazu führen, dass der Wald von einem Kohlenstoffspeicher zu einer CO2-Quelle wird, v. a. wegen temperaturbedingt höherer Aktivität der Bodenlebewesen (BMLFUW 2002a). Durch Ernte und möglichst dauerhafte Verwertung des Rohstoffs Holz kann das in der Holzbiomasse gebundene CO2 längerfristig dem natürlichen Kohlenstoff-Kreislauf entzogen werden.

Energetische Nutzung von forstlicher Biomasse

Die energetische Nutzung von Holzbiomasse (z.B. Hackschnitzel, Waldhackgut, Pellets etc. ° Kapitel 12) ersetzt fossile Energieträger auf klimaneutrale Weise. Allerdings ist derzeit noch nicht bekannt, welche Biomassemengen aus dem österreichischen Wald nachhaltig bereitgestellt werden können. Eine Studie zur Erhebung des Holz- und Biomassepotenzials wird derzeit vom Bundesforschungs- und Ausbildungszentrum für Wald, Naturgefahren und Landschaft (BFW) erarbeitet.

 

Grundsätzlich ist die inländische Biomasseverfügbarkeit begrenzt: Der gesamte heimische Holzvorrat könnte den österreichischen Primärenergiebedarf nur für ca. sechs Jahre decken. Das größte Potenzial besteht im ungenutzten laufenden Holzzuwachs sowie in - bei verstärkter Nutzung künftig jedoch in abnehmendem Umfang verfügbaren - Durchforstungsrückständen. Ein großer Teil dieses Potenzials ist technisch und wirtschaftlich nur schwer ausschöpfbar (WWF & ÖBF 2006). Angesichts gegenwärtig steigender Nachfrage und höherer Preise für Energieholzprodukte können zukünftig Waldnutzungen rentabel werden, die bislang aus Wirtschaftlichkeitsgründen unterblieben sind. Aus ähnlichen Gründen ist zu erwarten, dass die wirtschaftlichen Anreize zur verstärkten Nutzung von Blatt-/Nadel-, Ast- und Wipfel-Material (Vollbaumernte), das bislang bei der Holzernte zu einem großen Teil im Wald belassen wurde, zunehmen werden.

Überalterte Schutzwälder

Die österreichischen Schutzwälder sind überaltert. Nur 59% des Schutzwaldes werden als "stabil" eingestuft, 33% als "stabil bis labil" und 8,3% als "kritisch labil bis instabil" bei gleich bleibender Tendenz (BFW 2002). Auf 76% der Schutzwaldflächen, die einer Verjüngung bedürfen, fehlt diese völlig. Eine wesentliche Ursache für die ausbleibende Verjüngung ist der Wildverbiss: Auf etwa einem Viertel der Fläche wird er ausschließlich als Ursache angegeben, auf großen Flächen zumindest als Mitverursacher (BFW 2002, SCHODTERER 2002, 2004). Auf rd. 90% aller Schutzwaldflächen kommt zwar Verjüngung auf, das Wild gefährdet dort jedoch eine standortgerechte Baumartenmischung, weil es bestimmte Arten, wie Tanne oder generell Laubhölzer, bevorzugt verbeißt (BFW 2002, SCHODTERER 2004).

 

Eine wesentliche Ursache für die hohe Verbissbelastung liegt vielfach in überhöhten Wildbeständen, aber auch Beunruhigung (z.B. durch Tourismus) und Einengung von Wildlebensräumen können Wildschäden auslösen oder verstärken (REIMOSER 1995, 2001, REIMOSER et al. 2006). Zudem tragen weitere Ursachen, wie Waldweide, zur mangelnden Verjüngung bei.

Biologische Vielfalt

Österreichweit nehmen Laub- und Laubmischwälder weiterhin zu und Fichtenreinbestände ab (BFW 2002, RUSS 2004). Die Menge an im Wald verbleibendem Totholz (das sind nicht entnommene abgestorbene Bäume oder Baumteile, die Lebensraum für viele Tierarten bieten) im Wald steigt (MEHRANI-MYLANY & HAUK 2004). In einer umfassenden Untersuchung der Naturnähe der österreichischen Wälder wurden 3% der Waldfläche als "natürlich" und 22% als "naturnah" eingestuft; 41% wurden als "mäßig verändert", 22% als "stark verändert" und 7% als "künstlich" bewertet (GRABHERR et al. 1998). 12% des österreichischen Waldes gelten, z.B. infolge ihrer Unzugänglichkeit oder weil die Nutzung unwirtschaftlich wäre, als forstlich nicht genutzt (Schutzwald außer Ertrag) (BFW 2002). Die Ministerkonferenz zum Schutz der Wälder in Europa (MCPFE) hat im Jahr 2003 Daten zur biologischen Vielfalt von Wäldern aus 37 europäischen Ländern (einschließlich Russland) zusammengestellt (MCPFE 2003b). Österreich nimmt beim Mischwaldanteil den Rang 12 ein. Naturverjüngung wird in Österreich häufiger als in den meisten anderen Ländern angewandt (Rang 5).

 


Schutzgebiete sind ein wichtiges Instrument des Wald-Biodiversitätsschutzes. 0,7% der gesamten österreichischen Waldfläche unterliegen der strengen Schutzkategorie "minimum intervention" (MCPFE 2003b), auf 2,7% werden spezifische Maßnahmen zum Schutz der biologischen Vielfalt durchgeführt. 23% der Waldfläche liegen in Landschaftsschutzgebieten und vergleichbaren Kategorien, in denen allerdings keine direkten Einschränkungen der Waldbewirtschaftung vorgesehen sind, wohl jedoch Einschränkungen, die sich aus dem Landschaftsschutz ergeben (UMWELTBUNDESAMT 2004a, FRANK et al. 2005). Bezogen auf die Waldflächen, die innerhalb von Schutzgebieten liegen, bestehen für einen geringen Teil (8,7%) naturschutzrechtliche Einschränkungen der forstlichen Bewirtschaftung zugunsten der biologischen Vielfalt (UMWELTBUNDESAMT 2004a). Das Forstgesetz ermöglicht grundsätzlich für Wälder in bestimmten - auf naturschutz- oder privatrechtlicher Basis bestehenden - Schutzgebieten Ausnahmen von einzelnen Bestimmungen des Forstgesetzes, die Naturschutzzielen entgegenkommen sollen.

Schadstoffeintrag

Bodennahes Ozon, der für den Wald derzeit bedeutendste Luftschadstoff, überschreitet auf 61% des aktuellen Fichtenverbreitungsgebietes eine für diese Baumart kritische Belastung2) (BFW 2005a, b). Es verringert über Blattschäden die Vitalität und Wuchsleistung (BFW 2005a). Auf 95% der heimischen Waldflächen überschreiten atmosphärische Stickstoffeinträge kritische Belastungsgrenzen, so dass nachteilige Wirkungen auf das Waldökosystem möglich oder wahrscheinlich sind (POSCH et al. 2005): So kann beispielsweise die Düngewirkung von Stickstoffeinträgen die an Stickstoffarmut angepassten Waldökosysteme in ihrer Vitalität beeinträchtigen (SMIDT & OBERSTEINER 2006) oder an magere Standorte angepasste Pflanzen - darunter seltene Arten - verdrängen (° Kapitel 2, ° Kapitel 7).

 

2)  Hierbei wurde der für den Schutz der Vegetation geltende „AOT-40“-Richtwert (° Kapitel 2) bereits an die Wuchsbedingungen der Fichte adaptiert.

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Schadstoffe schädigen den Wald nicht nur akut, sondern werden dort auch akkumuliert. Das ist z. B. für Schwermetalle oder kaum abbaubare organische Schadstoffe (z.B. Dioxine, Polychlorierte Biphenyle; UMWELTBUNDESAMT 1998) der Fall.

Gesetzliche Schutzbestimmungen sind auf emittentennahe Waldstandorte und einige Substanzen beschränkt (Zweite Verordnung gegen forstschädliche Luftverunreinigungen). Auf das Schutzgut abgestellte flächendeckende Grenzwerte für Ozon und SO2 fehlen ebenso wie jegliche schutzgutspezifischen Grenzwerte für organische Schadstoffe und Regelungen zur Begrenzung synergistischer Belastungen (BMLFUW 2006a).