Arzneimittelwirkstoffe in der Umwelt

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Arzneimittelwirkstoffe in der Umwelt standen im Mittelpunkt des vom Umweltbundesamt am 3. Dezember veranstalteten Fachgesprächs „UmWelt und Gesundheit“ in der diplomatischen Akademie in Wien, zu dem sich rund 100 VertreterInnen aus Wirtschaft, Verwaltung, Interessensvertretungen, Universitäten und NGOs einfanden. „Die Einträge von Arzneimittelrückständen in die Umwelt und deren Folgewirkungen auf Lebewesen und Ökosysteme können Teile des Naturkapitals beeinträchtigen. Deshalb ist eine regelmäßige Untersuchung der Umwelt auf Arzneimittelrückstände notwendig, insbesondere weil mit einer Zunahme des Medikamentenkonsums zu rechnen ist“, betonte Karl Kienzl, stellvertretender Umweltbundesamt-Geschäftsführer in seiner Eröffnungsrede und verwies darauf, dass sich das Umweltbundesamt seit mehr als 15 Jahren mit dem Vorkommen von Arzneimittelwirkstoffen in der Umwelt beschäftigt. Weiters kündigte er eine umfassende Umweltbundesamt-Studie zum Thema sowie einen Screeningtest für Arzneimittelwirkstoffe in Gewässern, der derzeit am Umweltbundesamt entwickelt wird, für das Jahr 2016 an. Damit können Grund- und Oberflächengewässer einfach und rasch auf Medikamentenrückstände gescreent werden.

 

Thomas Jakl, der stellvertretende Leiter der Sektion Abfallwirtschaft, Chemiepolitik und Umwelttechnologie im Umweltministerium, erinnerte an die Dringlichkeit des Themas auf EU-Ebene: Noch heuer hat die EU-Kommission einen Aktionsplan zur Begrenzung der Wasserbelastung durch Arzneimittelwirkstoffe vorzulegen. Insbesondere Schweden, hätte die Diskussion dazu angeregt, berichtete Jakl Um die Konzentrationen von Arzneimittelwirkstoffen in der Umwelt zu verringern, seien Maßnahmen auf unterschiedlichen Ebenen erforderlich. Reflexions- und Diskussionsbedarf sieht Jakl insbesondere hinsichtlich Produktion, Vermarktung, Kennzeichnung, Entsorgung und Abwasserbehandlung.

 

Manfred Clara, Experte für Oberflächengewässer im Umweltbundesamt sprach über das Vorkommen von Arzneimittelwirkstoffen in der Umwelt. Zu den am weitest verbreiteten Medikamentengruppen zählen Schmerzmittel, Antidiabetika, Psychopharmaka, Antiepileptika sowie Antibiotika. Von diesen werden in Österreich jährlich jeweils über 50 Tonnen verbraucht. „Unser Lebensstil hinterlässt Spuren in der Umwelt. In kommunalen Abwässern werden sehr viele Arzneimittelwirkstoffe nachgewiesen; die gemessenen Konzentrationen spiegeln die Verbrauchsstatistik wider“, so Clara. Sie liegen zumeist im Bereich weniger Mikrogramm pro Liter oder darunter. Bei der Abwasserreinigung unvollständig abgebaute Arzneimittelwirkstoffe können in weiterer Folge in Oberflächengewässer gelangen und werden dort auch nachgewiesen, wie etwa in der Donau oder der Dornbirnerach in Vorarlberg. Die akkreditierte Prüfstelle des Umweltbundesamtes konnte Konzentrationen der Schmerzmittel Diclofenac und Ibuprofen, verschiedene Antibiotika und das Antiepileptikum Carbamazepin nachweisen. Auch für den Experten überraschend war das Vorkommen von Arzneimittelwirkstoffen in Bioabfallkompost und Blumenerde. Die gefundenen Konzentrationen sind vergleichbar mit jenen in Klärschlammkomposten. „Eine Bewertung der gemessenen Konzentrationen in den unterschiedlichen Umweltmedien ist derzeit schwierig, es gibt bislang keine Grenzwerte“, meinte Clara abschließend.

 

Franko Humer, Experte für Grundwasser im Umweltbundesamt stellte das mit Franz Allerberger von der AGES für das Gesundheitsministerium durchgeführte Forschungsprojekt über Pharmazeutika und Abwasserindikatoren im Grundwasser vor. Analysiert wurden die 19 häufigsten Antibiotika und mit Hilfe des vom Umweltbundesamt entwickelten Indikatorentests acht im kommunalen Abwasser weit verbreitete Leitsubstanzen wie Zuckerersatzstoffe, Industriechemikalien und Pharmazeutika. Über ganz Österreich verteilt wurden 54 Grundwassermessstellen und in deren Umfeld 50 Trinkwassermessstellen untersucht. An insgesamt sieben Grundwassermessstellen (13 %) und fünf Trinkwassermessstellen (10 %) wurden mindestens bei einer Messung Antibiotika nachgewiesen. Mindestens ein Abwasserindikator (am häufigsten der Zuckerersatzstoff Acesulfam) wurde bei 46 Grundwassermessstellen (85 %) und 31 Trinkwassermessstellen (62 %) bestimmt Die dabei ermittelten Höchstkonzentrationen liegen im Grundwasser im Allgemeinen über den Gehalten im Trinkwasser, jedoch deutlich unterhalb gesicherter humantoxikologischer Relevanz“, erklärte Humer. „Trotzdem sind bei Vorhandensein derartiger Substanzen die Ursachen abzuklären, Eintragsquellen zu identifizieren und Maßnahmen zu setzen, um ihr Auftreten im Trinkwasser zu minimieren oder zu eliminieren“, so der Umweltbundesamt-Experte weiter.

 

Elfriede Österreicher vom Gesundheitsministerium stellte den aktuellen Stand des Aktionsplans zu Antibiotikaresistenzen vor, der europa- und weltweite Vorgaben reflektiert. Zu den zentralen Inhalten zählen humanmedizinische Belange, tierärztliche Tätigkeit, Tierhaltung, die Lebensmittelkette und die Umwelt. Für 2016 kündigte Österreicher eine Überarbeitung des Aktionsplans an.

 

Helmut Burtscher, Umweltchemiker bei Global 2000, beleuchtete das Thema des Fachgesprächs aus Sicht einer Umweltschutzorganisation und verwies in Bezug auf das Gesundheitsrisiko von Arzneimittelwirkstoffen im Trinkwasser auf die WHO, die von Wissenslücken hinsichtlich der Risikobewertung auf die menschliche Gesundheit und die Umwelt im Fall einer chronischen Belastung durch niedrige Konzentrationen spricht.

 

Gerhard Beck von der AGES Medizinmarktaufsicht erläuterte den Prozess der Zulassung von Arzneimitteln und erklärte, dass bei Humanarzneimitteln die Auswirkungen auf die Umwelt eine Zulassung nicht zwingend verhindern können, hingegen bei Veterinärarzneimitteln im Falle von schweren Auswirkungen eine Abschätzung zwischen Nutzen und möglichen Schäden zu treffen ist.

 

Hans Christian Stolzenberg vom Umweltbundesamt Dessau stellte SAICM – den strategischen Ansatz zum internationalen Chemikalienmanagement vor. Ziel von SAICM ist, dass bis 2020 Chemikalien so hergestellt und verwendet werden, dass negative Auswirkungen auf die Umwelt und die menschliche Gesundheit minimiert werden. Dabei handelt es sich um eine freiwillige Umsetzung der Teilnahmestaaten. Vertreter aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft gestalten SAICM. Arzneimittelwirkstoffe in der Umwelt sind eines von mehreren als prioritär eingestuften Themen unter SAICM.