Der schadstofffreie Mensch. Märchen oder Zukunft?

Nachlese 7. Fachgespräch UmWelt & Gesundheit

© Umweltbundesamt/Kaitna

HUMAN-BIOMONITORING: FRÜHWARNSYSTEM FÜR UMWELT & GESUNDHEIT

 

Die ÖsterreicherInnen sind mit Weichmachern und Flammschutzmittel, die häufig aus Gütern des täglichen Gebrauchs stammen, belastet. Eine Studie von Umweltbundesamt und Medizinischer Universität Wien war Ausgangspunkt eines vom Umweltbundesamt organisierten Fachgesprächs am 25.Mai in Wien. Dabei diskutierten ExpertInnen aus Wissenschaft und Verwaltung über Human-Biomonitoring. Fazit: „Human-Biomonitoring ist ein wichtiges Instrument für einen vorsorgenden Umwelt- und Gesundheitsschutz“, so Karl Kienzl, stellvertretender Geschäftsführer im Umweltbundesamt.

 

Schadstoffbelastung in Österreich

 

Philipp Hohenblum, Human-Biomonitoring Experte im Umweltbundesamt und einer der  Autoren der aktuellen Studie „Schadstoffe im Menschen“ erläuterte den Hintergrund der ersten repräsentativen Untersuchung in Österreich. „Wir haben die ProbandInnen hinsichtlich jener Chemikalien untersucht, die im täglichen Leben besonders häufig verwendet werden und von denen wir aus früheren Analysen wissen, dass sie problematisch sind“ erklärt der Experte. Bei allen Untersuchten sind Phthalate (Weichmacher) und polybromierte Diphenylether (Flammschutzmittel) im Harn bzw. Blut nachweisbar – beide Stoffgruppen finden sich in Produkten aus Kunststoff. Kinder sind mit Phthalaten stärker belastet als deren ebenfalls untersuchte Mütter und Väter. Dieses Phänomen kann auf eine höhere Nahrungszufuhr im Vergleich zum Körpergewicht und auf häufigen Kontakt zu Hausstaub (Spielen) zurückgeführt werden. Frühere Untersuchungen von Hausstaub durch das Umweltbundesamt zeigen die Relevanz von Flammschutzmitteln.

 

Hans-Peter Hutter von der Medizinischen Universität Wien und Co-Autor der Studie erläuterte die Verbindung zwischen Schadstoff-Belastung, Konsumverhalten und Krankheitsbildern: Erstmals wird in der Studie ein Zusammenhang zwischen einer erhöhten Phthalat-Belastung und dem Genuss von Kaugummi hergestellt. Erstmals werden auch Symptome wie Kopfschmerzen, Juckreiz und Durchfall mit den Kunstoff-Weichmachern in Verbindung gebracht. Nach wie vor ist es jedoch schwierig, einzelne Produkte für die Symptome bzw. die Belastung als verantwortlich zu identifizieren. Hutter betonte, dass die Studie als fundierte Datenquelle für etwaige umweltpolitische Entscheidungen und als Datenbasis für weitere künftige Human-Biomonitoring Projekte herangezogen werden könne.

 

Belastungsfaktor Konsumprodukte

 

Sigrid Scharf, Leiterin der Abteilung Organische Analysen im Umweltbundesamt wies darauf hin, dass die Aufnahme von Chemikalien in den menschlichen Körper sehr häufig auf Produkte des täglichen Lebens zurückzuführen ist. Im Laufe des Lebens kommt ein Mensch mit über 70.000 unterschiedlichen chemischen Produkten in Kontakt. Am Beispiel von PAK (Polyzyklische Aromatische Kohlenwasserstoffe), die das Umweltbundesamt in Heimwerkerprodukten nachgewiesen hat, regte Scharf eine verstärkte Kontrolle an „Produktkontrollen können maßgeblich dazu beitragen, die Gesundheit zu schützen und unerwünschte Wirkungen auf Umwelt und Mensch zu reduzieren“.

 

Instrument für die EU-Chemiepolitik

 

Martina Reisner-Oberlehner vom Lebensministerium erklärte, dass Umweltprobleme umso stärker wahrgenommen würden, je enger der Konnex zur Gesundheit sei. Dabei erinnerte sie an das Verbot von Phthalaten in Kinderspielzeug – ein Erfolg, der auf Human-Biomonitoring zurückzuführen ist. Im Rahmen der EU- Umweltpolitik könne Human-Biomonitoring ein Schlüsselinstrument sein, um die Effektivität chemiepolitischer Maßnahmen zu beobachten und vorausschauendes politisches Handeln zu unterstützen.

 

Marike Kolossa vom deutschen Umweltbundesamt betonte, dass Human-Biomonitoring in Deutschland als Instrument etabliert ist. Der Verband der chemischen Industrie und das deutsche Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit kooperieren, um chemisch-analytische Methoden im Human-Biomonitoring zu entwickeln und zu testen. EU-weit, so Kolossa, sei die Harmonisierung von einheitlichen Standards in Arbeit. Eine verstärkte internationale Zusammenarbeit sei jedoch notwendig, um Belastungen bereits an der Quelle auszuschließen, indem problematische Stoffe erst gar nicht für Produkte zugelassen werden.

 

Humanbiomonitoring

 

Die Analyse von z.B. Harn-, Blut- oder Haarproben wird als Human-Biomonitoring bezeichnet. Damit wird die innere Belastung des Menschen mit Chemikalien erfasst. Es können Belastungstrends oder besonders betroffene Bevölkerungsgruppen ermittelt werden, um gezielte Maßnahmen entwickeln oder gesetzte Maßnahmen evaluieren zu können.

 

Das Umweltbundesamt betreibt seit 2007 ein akkreditiertes Prüflabor für Human-Biomonitoring. Die interdisziplinäre Österreichische Plattform für Human-Biomonitoring (Leitung Umweltbundesamt) ist bestrebt, die Methode in Österreich zu etablieren – als Beitrag zu Gesundheits- und Umweltschutz, zur Unterstützung nationaler Präventionsziele und zum Ausbau nationaler Kompetenz für Human-Biomonitoring.