Im Interview: Achim Kaspar vom Verbund

"Digitalisierung ist kein Trend, Digitalisierung ist der Katalysator für die Transformation der Energiewirtschaft."

Foto Achim Kasper
Mag. Dr. Achim Kaspar ist Mitglied des VERBUND-Vorstands und für den neu geschaffenen Bereich Digitalisierung sowie den gesamten Erzeugungsbereich verantwortlich

Was ist der Schlüsselfaktor für die digitale Transformation im Energiesektor und wie verändert die Digitalisierung die Energiewirtschaft?

Kaspar: Einer der wesentlichen Faktoren für die europäische Energie- und Klimapolitik ist die weitere Entwicklung der Dezentralisierung der Stromproduktion und des -konsums. Dies erfordert eine enge Vernetzung und Steuerung aller am Strommarkt beteiligten Elemente bzw. eine stärkere Verknüpfung von Akteuren der Wärme- und Mobilitätsbereitstellung. Die Sektorkopplung lässt sich nur mit der Digitalisierung des gesamten Energiesystems bewerkstelligen, die State-of-the-Art ist und alle volatilen Produktionen und Verbräuche unter einen Hut bringt. Über diese weitere Vernetzungsstruktur werden in Datacentern und Cloud Lösungen sämtliche Daten gesammelt und in weiterer Folge „Wissen“ generiert. Im gesamten Prozess ist höchster Augenmerk auf die cyber-sichere Ausgestaltung unseres Energiesystems zu lenken.

Was sind für Sie die Kernelemente der Digitalisierung in der Energiewirtschaft und was bewirken diese?

Kaspar: Einerseits gibt es Smart Grids, darunter versteht man hochintelligente Übertragungsnetze mit vollautomatisierten Schaltungen, damit der Lastfluss dem Bedarf und der Produktion folgt. Andererseits gibt es Smart Meter – mit Erweiterungen sind dies gesteuerte Verteilnetze, die das Zusammenspiel von Schwarmspeicher und virtuellem Kraftwerk ermöglichen. Diese Vernetzungsstruktur stützt sich auf ein homogenes, cyber-sicheres „Internet of Everything“ und auf Endgeräte mit eingebauter Sensorik. Damit bewirkt die Digitalisierung massive Veränderungen im Bereich der Produktion und ermöglicht ganz neue Geschäftsmodelle und Angebote für die Kunden.

Welche Bedeutung haben für Sie digitale Technologien und welche Effekte auf die Umwelt sind damit verbunden?

Kaspar: Die Blockchain-Technologie wird vor allem im Bereich der Sektorkopplung als Verrechnungsschlüssel unter den einzelnen Marktteilnehmern eine Rolle spielen, wenn es darum geht, überschüssige Stromproduktion etwa in Schwarmspeichern, in tausenden Batterien zu speichern und bei Bedarf wieder abzuziehen. Künstliche Intelligenz ist auf der Produktionsseite bedeutend. Selbstlernende Systeme in Verbindungmit Big Data Analytics führen zu Effizienzsteigerungen in der Produktion, indem beispielsweise die Wartungszyklen so effizient wie möglich gestaltet werden. In Zukunft wird es für jedes Kraftwerk ein digitales Kraftwerk für die Simulation geben. Dieses ist dann gekoppelt mit Big Data, mit Regen-, Wetter- und Sonnendaten. Gekoppelt mit Verbrauchsszenarien ist das der mittel- und langfristige Ausblick, wie wir die ganze neue Energiewelt besser steuern und visualisieren können.

Wie kann die Steuerung seitens der VerbraucherInnen mithilfe der Digitalisierung erfolgen?

Kaspar: Es entscheiden immer die Kundinnen und Kunden! Die Steuerung kann nur auf freiwilliger Basis in einem Vertrag mit Verbraucherinnen und Verbrauchern stattfinden, am besten im Rahmen eines Anreizsystems, das gewisse Vorteile bringt. Ich gehe davon aus, dass es zum Beispiel Service-Management-Plattformen geben wird, wo eine zentrale Einheit den Verbrauch in der Community steuert, zum Wohle der Kundinnen und Kunden und zu deren Vorteil. Und das soll es nicht nur im Industriebereich geben, wo schon heute häufig die Produktion dem aktuellen Tarif angepasst wird, sondern auch im Haushaltsbereich.

 

VERBUND ist einer der größten Erzeuger von Strom aus Wasserkraft in Europa und ist auf allen Wertschöpfungsstufen tätig: von der Stromerzeugung über den Transport von Strom bis zu Handel und Vertrieb.

 

Das Interview führten die Umweltbundesamt-ExpertInnen für den Energiesektor, Elisabeth Heninger und Helmut Frischenschlager.

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