Das MIO-ES Modell

Makroökonomisches Input-Output-Modell mit integriertem Energiesystem

Wofür kann das MIO-ES-Modell genutzt werden?

Das MIO-ES-Modell wird vom Umweltbundesamt zur Wirkungsevaluierung von klima- und energiepolitischen Zielen, Maßnahmen und Instrumenten hinsichtlich makroökonomischer Größen sowie Energieverbrauch und Treibhausgasemissionen eingesetzt.

Es stellt die Volkswirtschaft und das Energiesystem Österreichs detailliert dar und integriert sie durch konsistente Kopplung physischer und monetärer Größen, wodurch Wechselwirkungen zwischen ökonomischem System und Energiesystem abgebildet werden können.​ Das Modell erlaubt außerdem die Integration von Sektormodellen in den Emissionssektoren Verkehr, Stromerzeugung, Raumwärme, Industrie und ist damit für die Wirkungsabschätzung von Klima- und Energiepolitik in diesen Sektoren sowie für die Erstellung von Energie- und Treibhausgasszenarien geeignet.

Das Modell liefert derzeit jährliche Ergebnisse von 2025 bis 2050 und kann für Politiksimulationen und Szenarien über diesen Zeitraum genutzt werden.

Auf welchen Datensätzen beruht das Modell?

Die aktuelle Modellversion basiert auf Daten aus der Input-Output-Statistik, den Energiebilanzen und der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung für Österreich. Ergänzend kommen Daten aus der Konsumerhebung, dem Household Finance and Consumption Survey (HFCS), den EU Statistics on Income and Living Conditions (EU SILC), der Arbeitskräfteerhebung, Steuerstatistiken sowie der Statistik zu den öffentlichen Finanzen in Österreich zum Einsatz.

Für welche Fragestellungen wurde es bereits angewendet?

Das Modell wurde in der Vergangenheit zum einen für die Treibhausgas- und Energieszenarien des Umweltbundesamts nach der EU-Verordnung über die Governance der Energieunion (EU VO 2018/1999) eingesetzt. Zum anderen wurde es für die Evaluierung von Einzelmaßnahmen herangezogen (siehe nachfolgende Abschnitte für Beispiele).

Wie ist das MIO-ES-Modell aufgebaut?

Auf der makroökonomischen Seite werden die Wirtschaftsbranchen[1] und die Hauptkategorien des privaten Konsums[2] abgebildet. Privatkonsum und Einkommen sind in zehn Haushaltstypen untergliedert (Quintile der Haushaltseinkommensverteilung nach Urban/Rural-Klassifikation). Neben Produktion und Konsum werden auch Arbeitsmarkt und öffentlicher Sektor modelliert.

Auf der Energieseite sind der energetische Endverbrauch nach Energieträgern sowie Daten aus partiellen Sektormodellen (u.a. von der Technischen Universität Graz, der Technischen Universität Wien und vom Umweltbundesamt) für die Emissionssektoren Verkehr, Raumwärme, Industrie sowie Strom- und Fernwärmeerzeugung integriert. Über die Emissionsfaktoren des Umweltbundesamts werden die Treibhausgasemissionen abgeleitet.


[1]  Die Wirtschaftsbranchen sind nach der NACE-Klassifikation untergliedert. NACE ist das Akronym für Nomenclature statistique des activités économiques dans la Communauté européenne.

[2]  Die Konsumausgaben der Privathaushalte sind nach der COICOP-Klassifikation untergliedert. COICOP ist das Akronym für Classification of Individual Consumption by Purpose.

Die Abbildung besteht aus vier Kreisen, die um einen Kreis im Zentrum gruppiert sind. Die äußeren Kreise symbolisieren die Bereiche Verkehr, Industrie, Gebäude und Strom - sie fließen in den Makro-Energie Kern des MIO-ES Modells ein.
MIO-ES Modell

Anwendungsbeispiele

  • Szenarien zur CO2-Bepreisung ETS-1 und ETS-2 mit oder ohne Kompensationsmaßnahmen: Verschiedene Szenarien sind möglich, wie z.B. pauschale Kompensation pro Kopf, Senkung der Lohnnebenkosten u.a.
    • Volkswirtschaftliche Effekte auf Produktion, Beschäftigung und Inflation nach Branchen (z.B. Lebensmittel, Energiepreise)
    • Verteilungswirkungen auf verfügbares Haushaltseinkommen und private Konsumausgaben nach Quintilen und Regionen, Armutsgefährdung und Ungleichheit
    • Budgetwirkungen, Emissionswirkungen
  • Volkswirtschaftliche und Emissionseffekte von Investitionen und Förderungen, z.B. für
    • Ausbau erneuerbarer Energieträger und notwendiger Netzinfrastruktur
    • klimafreundliche Mobilität: Bahn, ÖPNV, E-Mobilität, aktive Mobilität und Güterverkehr
    • Transformation der Industrie und weitere Umwelt- und Klimaförderungen (UFI, KLIEN)
    • Klimawandelanpassung
  • Effekte von Beihilfen, Steuern und Abgaben im Energiebereich:
    • Einführung Industriestrompreis, z.B. über Rückvergütungen für einzelne Branchen
    • Strompreisbremse für Haushalte
    • Änderung Energieabgaben oder Mineralölsteuer für einzelne Energieträger
  • Abschaffung klimakontraproduktiver Subventionen:
    • Mineralölsteuerbegünstigung für Diesel inkl. Kraftstoffexport („Dieselprivileg“)
    • Mineralölsteuerbefreiung Kerosin im Flugverkehr
    • Stromkostenzuschuss
    • Und viele weitere direkte und indirekte klimakontraproduktive Subventionen
  • Ökologisierung der Industrie: Evaluierung der Industriestrategie (Preissenkungen, Förderungen/Subventionen, Investitionen)
  • Effekte einer Just Transition auf Wertschöpfung, Arbeitsplätze, verfügbares Haushaltseinkommen, Armutsgefährdung und Ungleichheit
  • Effekte unterschiedlicher Maßnahmen im Verkehrsbereich:
    • Sozial treffsichere Umgestaltung des Pendlerpauschale über Kopplung an Einkommen
    • NoVA, Flugticketabgabe
    • Car-Sharing, ÖPNV-Subventionen, Klimaticket
  • Effekte unterschiedlicher Maßnahmen im Gebäudebereich:
    • Förderungen für Sanierung und Heizsystemwechsel
    • Einkommensabhängige Staffelung von Förderungen
    • Längere Nutzungsdauer von Gebäuden
  • Effekte von gesteigerter Innovation und Wettbewerbsfähigkeit auf herstellende Branchen: Höhere Exportnachfrage und Produktivität, aufbauend auf Vorarbeiten zu Patentanmeldungen in klimafreundlichen Technologien
  • Auswirkungen von Klimaschäden auf Haushalte und Unternehmen

Simulierbare Ziele, Maßnahmen und Politikinstrumente (Auswahl)

Sektorübergreifend

CO2-Preis (ETS-1 und ETS-2) inkl. Kompensationsmaßnahmen für Haushalte und Unternehmen, Änderung Mehrwertsteuer, Lohn- und Einkommensteuern, Lohnnebenkosten, Vermögenssteuer, Sozialtransfers, Klimaschäden


Wohn- und Dienstleistungsgebäude, Neubau

%Anstieg Sanierungsrate und Sanierungstiefe, Ausstieg Öl- und Gasheizungen, Nutzfläche (Neubau), längere Lebensdauer
Änderung Heizstoffpreise, Investitionen in Neubau, Sanierung und Heizsystemwechsel (ausgelöst durch Förderungen wie UFI, Klimafonds), einkommensabhängige Förderungen für Heizungstausch und Sanierung


Personen- und Güterverkehr

%Änderung Elektro-Anteil in der Flotte, Modal Split, Effizienzsteigerung der Flotte (PKW und LKW); Besetzungsgrad, Lebensdauer (PKW); Auslastungsgrad (LKW)
Änderung Kraftstoffpreise, E-PKW-Preise und -Förderungen, PKW- und LKW-Maut, ÖPNV-Subventionen (bspw. Klimaticket)
Investitionen in Infrastrukturausbau Straße und Schiene, oder durch Förderungen ausgelöst
%, €Änderungen Mineralölsteuer (auch Dieselprivileg, Kerosinbesteuerung), Normverbrauchsabgabe, Flugticketabgabe, PendlerInnenförderung und Kilometergeld


Industrie und Energieaufbringung

%Ausstieg aus fossilen Energieträgern, Effizienzsteigerung, Strom- & Fernwärmeerzeugung mit 100% erneuerbaren Energieträgern
Änderung Energiepreise, Energieabgaben(rückvergütung), Herstellerprivileg, Investitionen (durch UFI, Transformations-fonds o.Ä. ausgelöst oder durch Infrastrukturausbau Strom/Gas/Fernwärme), vorzeitige Abschreibung
 

Ergebnisgrößen des Modells

Volkswirtschaftliche Parameter

Bruttoproduktionswert, Wertschöpfung, Bruttoinlandsprodukt und seine Komponenten: Bruttoanlageinvestitionen, privater und öffentlicher Konsum, Exporte und Importe (alle nach Wirtschaftsbranchen und CPA-Güterklassifikation[1])
VZÄBeschäftigung (nach Wirtschaftsbranchen und ISCO-Berufsgruppen) und Arbeitslosenrate
Private Konsumausgaben nach Haushaltstypen, Quintilen und Konsumkategorien
Verfügbares Haushaltseinkommen und seine Komponenten (z.B. Vermögenseinkommen) nach Haushaltstypen & Quintilen
Vermögen, Verschuldung und Ersparnisse nach HH-Typen
Preise: VPI nach Haushaltstypen, Quintilen und Konsumkategorien
Energiepreis nach Haushaltstypen und Quintilen
Löhne, Kapital-, Energie- und Outputpreise nach Wirtschaftsbranchen

 

Kategorien des öffentlichen Haushalts

Einnahmen: Direkte und indirekte Steuern und Subventionen (Lohn- & Einkommensteuer, Vermögenssteuer, Sozialabgaben, Einnahmen aus MWSt., MÖSt., NoVA, CO2-Bepreisung ETS-1 und ETS-2, PKW-Maut, LKW-Maut)
Ausgaben: Monetäre Sozialleistungen, Arbeitslosenunterstützung, öffentliche Investitionen und Konsum, soziale Sachleistungen, Subventionen, Zinszahlungen
Öffentliches Defizit & Verschuldung

 

Energierelevante Parameter

TJBruttoenergieverbrauch und energetischer Endverbrauch nach Energieträgern, KSG-Sektoren und Wirtschaftsbranchen
Kt CO2CO2-Emissionen nach KSG-Sektoren[2] und Wirtschaftsbranchen

 


[1] CPA ist das Akronym für Classification of Products by Activity.

[2] KSG-Sektoren sind die Emissionssektoren nach Definition im österreichischen Klimaschutzgesetz.

 
Team Umweltökonomie

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